Fotoapparate klicken, Videokameras laufen, als die alte Dampflok pünktlich um 12.38 Uhr am Letschiner Bahnhof einfährt. Hunderte Eisenbahnfans warten im schönsten Sonnenlicht an den Gleisen. Einer von ihnen ist Peter Hausch, 22. Er kam extra aus Bautzen, um den Moment festzuhalten. Werkzeugmacher ist der junge Mann von Beruf. Sein Hobby: Eisenbahnen, Züge und alles was damit zu tun hat. „Ich bekenne“, sagt der Bautzener gestern, „ich bin eisenbahnverrückt.“ Wobei die Dampflok für ihn gar nicht im Mittelpunkt steht. Seine Videokamera ist vielmehr auf die Signaltechnik am Letschiner Bahnhof gerichtet. „Russische Bauart“, erklärt er. „Die gab es früher an 70 Bahnhöfen. Heute ist sie so gut wie verschwunden. Nur noch in Letschin und an vier weiteren Bahnhöfen sind die Signale in Betrieb.“ Dass er seine Aufnahme mit der alten Dampflok zusammenbringt, sei einfach wunderbar, schwärmt der Eisenbahnfan.
Eine Stunde dauert der Stopp im Oderbruch. Auf dem Gelände der Letschiner Eisenbahnfreunde herrscht währenddessen Hochbetrieb. Extra für den Tag hat der Verein einen außerplanmäßigen Tag der offenen Tür eingelegt. Innen tuckern Modellbahnen über die Schienen, außen ist die Gartenbahn in Betrieb und chauffiert die jüngsten Besucher in mehreren Runden.
Bärbel und Horst Klatt bestaunen währenddessen die alte Dampflok. Die gesamte Familie des Mannes war früher bei der Bahn beschäftigt. Das Haus der Eheleute steht in Wriezen an einer Bahnstrecke. „Das wäre eine touristische Attraktion“, ist Horst Klatt überzeugt, „wenn hier ständig so alte Loks fahren würden.“ Stattdessen sei ein Großteil der Strecke Berlin-Lichtenberg-Königsberg stillgelegt worden. Dabei hätten die Polen gewiss auch ein großes Interesse daran, wenn eine nostalgische Bimmelbahn die Gäste über die Grenzen hinweg fahren würde. Aber das bleibt wohl ein Wunschgedanke.“
Steve Kuppler hat inzwischen alle Hände voll zu tun. Eigentlich ist er Hotelfachmann. Aber immer wenn sein Verein „Traditionszug Berlin“ Dampf macht mit der alten „BR 52“ und zu romantischen Fahrten übers Land einlädt, dann schlüpft Kuppler in die Rolle des Zugbegleiters. Er beantwortet Fragen im Akkord, lächelt für Fotos. Die Toiletten, an denen er Interessierte in den Waggons vorbeiführt, heißen hier noch Abort. Die Spülung wird per Hand geregelt – mit einer Wasserkanne. Das Abteil dahinter ist die Holzklasse – sozusagen, denn die Bänke bestehen aus schlichten Brettern ohne Komfort. So wurde die „Vierte Klasse“ eines Zugwaggons in den 20er Jahren gebaut, erklärt er. „Heute gibts das natürlich nicht mehr.“ Auch die „Donnerbüchse“ ist längst Geschichte. Donnerbüchse heißt das Abteil bei den Eisenbahn-
kennern deshalb, weil sie so laut über die Gleise poltert, dass man innen kaum sein eigenes Wort versteht. In den neun Waggons aus verschiedenen Jahrzehnten erleben die Besucher eine wahre Zeitreise.
Bis zu 90 Kilometer pro Stunde könnte die alte Lok fahren. Dann ist Schluss, sagt Kuppler. Für den Fernverkehr also völlig ungeeignet. Aber so weit führen die Reisen des Berliner Vereins auch gar nicht. Meistens bieten sie Ausflüge ins Umland an, aber auch bis nach Dresden oder Rügen.
Gebaut wurde die Dampflok der sogenannten 52er Baureihe ab 1942. Und zwar ausschließlich für Kriegsdienste, insgesamt 3159 Exemplare. Die kurze Bauzeit, sie dauerte lediglich bis 1944, und der Mangel an Material, bestimmten die Produktion der Lok. Bei der Lokomotive wurde viel mehr geschweißt als bei allen anderen zuvor. Selbst der Heizkessel war geschweißt statt genietet.
Ohne die Letschiner Feuerwehr wäre die Reise der Fahrgäste wohl gestern im Oderbruch beendet gewesen. Denn die Freiwilligen Helfer „betanken“ die alte Dampflok zum großen Dank des Berliner Vereins – mit Wasser. Neben zehn Tonnen Kohle passen laut Steve Kuppler 30 000 Liter Wasser in den Tank. 90 Prozent davon seien auf dem Weg von Berlin bis ins Oderbruch bereits verbraucht gewesen.