So viele Gäste habe es in noch keiner Beratung des Gremiums gegeben, stellte Bauausschussvorsitzender Johannes Große-Darrelmann am Montagabend zufrieden fest. 27 Reitweiner verfolgten die Diskussion im Gemeinderaum, die sich vorwiegend um ein Thema drehte: Die geplanten Putenställe.
Dass er das Vorhaben des Golzower Landwirtschaftsbetriebes ablehnt, daraus machte der Ausschussvorsitzende kein Hehl. Mit seinem Abgeordnetenkollegen Detlef Schieberle hatte er die Reitweiner mobilisiert: Per Postwurfsendung waren die Dorfbewohner über das Vorhaben und die Beratung dazu informiert worden.
Die Uhr tickt, machte Johannes Große-Darrelmann eingangs deutlich. Der Bauantrag des Golzower Unternehmens sei am 20. Dezember in der Amtsverwaltung Lebus eingetroffen. Er selbst sei am 5. Januar darüber informiert worden. Das Problem ist: Mögliche Einwände gegen die Vorhabenplanung müssten die Gemeindevertreter und betroffene Bürger binnen zwei Monaten vorbringen, machte der Anwalt deutlich. Er hat sich in die Materie eingearbeitet und mit Unterstützung anderer Reitweiner auf drei Seiten zusammengefasst, was gegen das Projekt spricht.
In der von den fünf Ausschussmitgliedern letztlich einstimmig angenommenen Stellungnahme heißt es eingangs, die Zustimmung werde verweigert, weil dem "Antrag entgegen der Auffassung der Antragsteller öffentliche Belange ... entgegen stehen, die Anträge unvollständig und beantragte Ausnahmegenehmigungen unzulässig sind".
Die Reitweiner erwarten unter anderem gesundheitliche Beeinträchtigungen durch die Putenmast in den drei einstigen Rinderställen. Diese befinden nur rund 250 Meter von den ersten Wohnhäusern entfernt. Die multiresistenten Keime infolge des "massiven Einsatzes von Antibiotika in der Putenmast" seien anderswo in Deutschland in einem Umkreis bis zu 500 Metern nachgewiesen worden, erklärte Johannes Große-Darrelmann. Detlef Schieberle erinnerte daran, dass der in Reitwein vorherrschende Westwind den Geruch und mögliche Keime von der am Dorfrand stehenden Anlage besonders stark ins Dorf wehen würde.
Daraufhin meldete sich der Abgeordnete Rico Thiedemann zu Wort. Er wohne "da ziemlich nahe dran" und erwäge, dem Vorhaben zusammen mit einigen Nachbarn auch privat zu widersprechen. Zur geäußerten Befürchtung, eine mögliche Klage könne die Anwohner teuer zu stehen kommen, sagte der Ausschussvorsitzende: Man sei mit dem Bund für Natur und Umwelt in Kontakt, der habe Unterstützung in Aussicht gestellt.
Dass die potenziellen Investoren das Reinigungswasser aus der Anlage nach der Zwischenlagerung in einer Grube auf landwirtschaftliche Flächen - wohl auch ums Dorf herum - ausbringen wollen, halten die Mitglieder des Bauausschusses angesichts der Keimbelastung für gesundheitsgefährdend und deshalb nicht zulässig.
Die Putenmast sei zudem aus naturschutzrechtlicher und touristischer Sicht in Reitwein schädlich, meinen die Gegner des Projektes. Detlef Schieberle verwies darauf, dass das Natura-2000-Schutzgebiet bis an den Zaun der Stallanlage heran reicht. Rund 200 Meter südöstlich der Anlage beginne zudem ein FFH-Gebiet. Dort gelten die höchsten europäischen Naturschutz-Standards.
In dem als "Perle des Oderbruchs" bezeichneten Reitwein haben sich in den vergangenen Jahren viele Zuzügler niedergelassen. "Vor allem wegen der Ruhe und unberührten Natur. Doch damit wäre es dann wohl vorbei", sagte Detlef Schieberle mit Blick in die Runde. Auf den Zuschauer-Stühlen saßen vorwiegend Neu-Reitweiner. Auch Johannes Große-Darrelmann ist aus Berlin an die Oder umgezogen.
Touristen würden dem beliebten Ausflugsort wohl eher fern bleiben, wenn aus Putenställen Gestank ins Dorf weht, befürchten die Reitweiner weiterhin.
Viele Argumente wurden in der abendlichen Runde am Montag noch vorgebracht: Dass laut Antrag genau 14 920 Puten je Durchgang in den Ställen gemästet werden sollen, sei kein Zufall. Die Zahl sei vielmehr dem Umstand geschuldet, dass ab 15 000 Tieren höhere immissionsschutzrechtliche Anforderungen gelten. Und auch die Antragstellung vor dem Jahresende habe wohl ihren Grund. Im Bundesumweltministerium werde an einem neuen Gesetzentwurf zur Massentierhaltung gearbeitet, hieß es unter anderem.
Anders als für die geplanten Hähnchenmastanlagen in Golzow und Sachsendorf ist für die Reitweiner Putenmast übrigens keine "Fairmast" vorgesehen, informiert Detlef Schieberle. Er ist von den Antragstellern aus der Odega-Gruppe enttäuscht. In der Gesprächsrunde zum Golzower Vorhaben habe Odega-Chef Detlef Brauer eine künftig bessere, rechtzeitige Einbeziehung der Betroffenen vor Ort zugesichert. "Das kann ich hier nicht erkennen", sagte der Abgeordnete.
Da der Bauausschuss nur empfehlen, nicht entscheiden kann, sind nun alle acht Gemeindevertreter in der Sache gefragt. Ihnen wird die Stellungnahme in der Beratung am 15. Februar, ab 19 Uhr, zum Beschluss vorliegen.