Der knallig orangefarbene Mini-Rock spannt eng um Oberschenkel und Po, die Schuhe haben Zehn-Zentimeter-Absätze und der etwas zu knapp geratene rote Pullover betont die üppige Oberweite. Die Frau hebt sich in ihrer Bekleidung für die vorbeifahrenden Autofahrer schnell vom Hintergrund ab. Dieser besteht aus einer Waldidylle, vor die die Frauen vom Straßenstrich an der Bundesstraße 1 zwischen Jahnsfelde und Diedersdorf nicht so recht passen.
Das sagen jedenfalls die Anwohner und Pendler, bei denen das Thema ein Dauerbrenner ist. "Was sage ich meinen Kindern, mit denen ich dort langfahre?", fragte jüngst eine Frau im Gemeinderat in Worin. Sie sei überzeugt, dass sich auch andere Mütter über die Damen aufregen. Bürgermeister Dirk Ilgenstein schüttelte den Kopf. "Wir haben bisher keine Lösung gefunden", sagte er. Gegen die Anwesenheit der Damen sei nichts einzuwenden, Prostitution sei in Deutschland nunmal legal.
Auch sei mit Waldbesitzern und Polizei zur Genüge geredet worden. Einige der Eigentümer der Waldflächen haben Schranken an den Einfahrten errichtet, damit dort keine Autos mehr hineinfahren können. Ein Abgeordneter schloss die Diskussion: "Wir müssen uns wohl damit abfinden."
Abfinden will sich Margarete Muresan mit der Situation nicht. Sie arbeitet für die Beratungsstelle für Frauen, genannt "In Via", in Königs Wusterhausen. In Via ist eine Anlaufstelle für Prostituierte. Margarete Muresan und ihre Kollegen suchen die Frauen vor Ort auf, sprechen mit ihnen, beraten sie und organisieren ärztliche Untersuchungen. Seit drei Jahren sind die Fachberater in Brandenburg an den Straßenstrichen aktiv. Bei Seelow gebe es Prostituierte etwa seit 2011. "Im vergangenen Jahr haben wir Kontakt zu den Frauen dort aufgenommen", sagt Muresan. Die Beratungen sind anonym, die Gespräche vertraulich. Daraus berichten möchte sie nicht. Vertrauen aufbauen - das sei wichtiger.
Margarete Muresan hat ein Ziel: Sie möchte bessere Arbeitsbedingungen für die Prostituierten erreichen. Denn ob legal oder nicht, es werde sie immer geben, solange es die Nachfrage gibt. Bei Seelow sei es eine Mär, dass die Kunden aus Berlin kommen. Viele wollen nicht wahrhaben, dass es ihre Männer seien. Zu besseren Arbeitsbedingungen zählen nicht nur, dass Kondome und Desinfektionsmittel an die Frauen verteilt werde. Notwendig sei auch, Verständnis für die Lage der Frauen in der Bevölkerung zu erreichen.
"Die meisten machen das nicht aus Spaß", sagt Muresan. Die Überwindung zur Prostitution sei für die Frauen nicht nur beim ersten Mal notwendig, sondern ein alltäglicher Kampf. Diejenigen, die sagen, sie müssten es ja nicht machen, sprechen aus einer "gemütlichen Position" heraus. "Die Frauen handeln aufgrund einer finanziellen Notlage in ihrem Heimatland so", erklärt die Beraterin. Sie kommen nach Deutschland, um hier Geld zu verdienen, was sie nach Hause schicken können. "Kein Freier bedeutet für sie, kein Essen, keine Miete."
Problematisch sei trotz Aufklärung, dass noch immer viele Männer Sex ohne Kondom wollen. Schon deshalb sei eine öffentliche Debatte darüber notwendig. Prostituierte, so stellt Margarete Muresan klar, seien auch Ehefrauen, Mütter, Schwestern, Töchter. Die wenigsten erzählen zu Hause, womit sie in Deutschland ihr Geld verdienen. "Das ist zusätzlich psychischer Druck." Auch deshalb gebe es die Beratungsstelle - damit sie sich auch mal aussprechen können.
Gemeinderat diskutiert über Prostituierte / Frauenberaterin möchte mehr Verständnis
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