Scheunen gebe es laut Stermann ja verschiedener Art. "Wenn sie weder Fenster noch Licht hatten, waren es Speicher. Konnte man dagegen mit Gespannen oder Fahrzeugen hinein oder sogar hindurchfahren, dann handelte es sich um Stallscheunen", erklärt der 85-Jährige. Lagerstätten mit unterschiedlichen Toren, die gebe es noch immer im Dorf. "In den Zeiten vor uns gab es hier mal 50 Betriebe", berichtet er.
Soziologisch gesehen, gab es in vielen Dörfern einen Gutsherren. "Den hatte Diedersdorf mit seinem Schloss, nicht aber Neuentempel oder Marxdorf." Neuentempel sei nicht wie andere Dörfer. Das von den Tempelrittern gegründete Dorf habe zuletzt zu Neuhardenberg gehört, genauer zu Carl Hans Graf von Hardenberg, letzter Bewohner vom Schloss Neuhardenberg. "Er war ein sich der Demokratie verpflichtet fühlender Mann, der mit anderen Widerstandskämpfern das Attentat auf Hitler vorbereitet hatte", erinnert Stermann.
Auf Scheunen-Tour durch Neuentempel

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"Neuentempel war eine Bauernrepublik, die Bauern hatten das Sagen und wurden durch Hardenberg in ihrem Tun geschützt", erklärt Klaus Stermann und fügt an: "Bis in die DDR-Gründung hinein konnten sie somit machen, was sie wollten." Die Geschichte hat der Berliner Pädagoge und Lektor, der 1992 nach Neuentempel zog, ausgiebig erforscht – und mit Ortsvorsteher Bernd Baier eine Ortschronik erstellt. Scheunen als Relikte der einstigen Bauernrepublik gibt es noch gut ein Dutzend im Dorf. "Früher waren es noch mehr, aber etliche sind wegen ihrer Stroh-Dächer abgebrannt, als 1913 die Kleinbahn in Betrieb ging, die anfangs noch mit Dampfloks betrieben wurde und für viel Funkenflug sorgte", erinnert Baier.
Klaus Stermann zeigt beim Dorfrundgang viele Scheunen der Bauern. Darunter angesiedelt waren die Selbstversorger, die Kossäten. Er lebt selbst in einem solchen Gehöft mit Schwarzküche und großer Scheune mit tiefem Keller zum Einlagern der selbstangebauten Vorräte, wie Kartoffeln. Kossäten verkauften ihre Arbeitskraft an die "Bauern". Als Proletarier der Dörfer habe es aber auch noch die Büdner gegeben, die nur ein kleines Grundstück besaßen, ohne Chance auf Selbst-Versorgung. "Die Schichtzugehörigkeit blieb konstant, der soziale Stand wurde nie verlassen. Abstiege erfolgten höchstens durch Alkohol-Exzesse, der Aufstieg war höchstens Kindern vorbehalten, die von Reichen angenommen wurden", so Stermann.
Scheunen der Bauern, aber auch der Büdner, die sieht man in Neuentempel. Etliche sind aus Stein, einige sogar Hunderte Jahre alt und werden noch von behauenem Zyklopenmauerwerk getragen. Andere Scheunen tragen Davidsterne, einige beinhalten – in der Neuzeit angekommen – Garagenanbauten oder die Bushaltestelle. Es gibt aber auch Scheunen aus Holz, gut gepflegt. Die meisten der großen Steinscheunen – an Straßen oder auf Gehöften – werden aber nicht mehr genutzt. "Unsere stehen auch leer", berichtet Anwohnerin Birgitta Wenzlaff auf der Tour. Sie hat ihr ganzes Leben im Dorf verbracht und lebt gern in Neuentempel. "Die Scheunen beinhalten nur noch Luft", sagt Klaus Stermann ein wenig wehmütig.