Zwei Stunden waren für die Tour veranschlagt, die am Anglerheim an der Oder startete. Doch die Fakten, die Manfred Hunger zum Lebuser Busch zusammen getragen hatte, waren zu umfangreich, der Wissensdurst der Teilnehmer zu groß. So dauerte die heimatgeschichtliche Exkursion, zu der der Heimatverein Lebus eingeladen hatte, deutlich länger.
Manfred Hunger überraschte die Teilnehmer zunächst mit der Information, dass der Busch nicht immer zu Lebus gehörte. Denn 1507 erhielt zunächst Niederjesar vom Lebuser Bischof jenes Land rechts der Oder.
Der heutige Busch war bis zur Eindeichung der Oder Überschwemmungsgebiet. Zwei Mal im Jahr überschwemmte der Fluss das Gebiet. Die Errichtung des Sommerdeiches 1591 auf Anordnung von Kurfürst Johann Georg schützte nur zum Teil. In den Wiesen weideten große Rinderherden. Erst nach der Eindeichung der Oder von Lebus bis Zellin ab 1717 wurde Ackerbau möglich.
Voraussetzung für die spätere Besiedlung des sogenannten Busches bei Lebus war die 1770/71 erfolgte Vermessung und Separation. In der Auflistung der Domäne Lebus wird 1876 der Busch links der Oder mit 95 Hektar Fläche genannt. 66 Hektar davon wurden am 24. August 1877 von der Regierung an die Meistbietenden verkauft. Dieses Land sei bei der letzten Neuverpachtung der Domäne ausgenommen worden und die Grundlage für die Aufsiedlung des "Lebuser Busch" gewesen, berichtete Manfred Hunger. In dem Gebiet direkt an der Oder entstanden nach und nach zwölf Einzelhöfe
1877 verkaufte die Domäne Lebus weitere 66 Hektar Land im Busch, etwa 20 Parzellen entstanden. Der "Kossätenweg" erinnert bis heute daran, dass hier wohl Kossäten, also arme Landarbeiter, Flächen hatten. Der "Amtsweg", etwa 50 Meter westlich der heutigen Asphaltstraße, soll nur den Fahrzeugen der Domäne zur Verfügung gestanden haben.
Durch den tonigen Untergrund musste rigolt, also tief gepflügt werden, um fruchtbares Ackerland zu erhalten. Die Wirtschaft von Paul Wolff soll einst die höchste Bodenwertzahl in Lebus gehabt haben, fand der Ortschronist in Dokumenten heraus.
Als der Weltkrieg im Frühjahr 1945 auch Lebus erreichte, kam damit auch die Busch-Bewohner die Verwüstung. Einige, die nicht geflohen waren, wurden ermordet, viele Gebäude zerstört. Die Mauersteine dienten zur Wegbefestigung für Militärfahrzeuge.
Nach 1945 wurden die Bauernwirtschaften wieder aufgebaut. Und 1959 die letzten Grundstücke im Busch ans Stromnetz angeschlossen. Einen Gas- und Abwasseranschluss haben die verbliebenen sechs Gehöfte bis heute nicht. Kein Wunder, dass die Lebuser das Land hinter dem letzten Grundstück (Bienert) im Busch einst "Sibirien" nannten.
Zumal der Feldweg vom Busch in die Stadt, der nach Regen nur mit Gummistiefeln begehbar war, wie sich Ingrid Blankenfeld erinnert, die ihre Kindheit im Busch verbrachte, besonders für die Schulkinder eine Tortur war. 1967 kam der Ausbau mit Beton, in den 1970-er Jahren die erste Asphaltdecke.
Den Stein, der einst am Deich-Kilometer "0" gestanden haben soll, fanden die Teilnehmer der Exkursion nicht mehr vor. Und auch das Grundstück der Familie Abraham im Lebuser Busch 196 nicht. Es lag direkt hinterm Damm, am Deich-Kilometer 0. Auf dem Grundstück standen einst ein Fachwerkhaus, ein Kuh- und ein Pferdestall, Scheune und Geräteschuppen, hat Manfred Hunger recherchiert. Anfang 1945 richtete der Kommandeur der Volkssturmeinheit hier seine Kommandostelle ein. Das Grundstück wurde durch die Kämpfe vernichtet, die Gebäude zu Ruinen, die abgerissen wurden. Die Besitzer sind enteignet, die Hofstelle ist eingeebnet worden.