Was sind denn das eigentlich für Häuser? Das mag sich mancher fragen, der sich das mit Graffity-Bildern neu gestaltete Trafo-Haus am Lebuser Bischofsplatz genauer anschaut. Künstler der Firma „Motivwunsch“ aus Stahnsdorf haben kürzlich alle vier Seiten der kleinen Umspannstation gestaltet.
Die Bildvorlagen lieferte der Heimatverein Lebus, genauer gesagt: Ortschronist Manfred Hunger. Neben dem gemalten Hinweis auf die einstige Schule, das heutige Museum Haus Lebuser Land an der Schulstraße, ist auch das große historische Stadtpanorama farbig gestaltet. Die um 1760 entstandene älteste Ansicht der kleinen Oderstadt sei stilisiert, betont Manfred Hunger, unter anderem mit Blick auf den steil heraus ragenden Burgberg mit drei statt der tatsächlich vier Wehrtürme.

Die unscheinbareren Seiten

Der Stadtchronist lenkt den Blick auf die beiden unscheinbareren, weil in schwarz-weiß gehaltenen Bilder-Seiten des Trafo-Häuschens. „Wir haben uns an die historischen Schwarz-Weiß-Fotografien gehalten, nach denen die Motive gestaltet wurden“, erklärt der Lebuser Ortschronist. Für ihn sind die Bilder Zeugnisse untergegangener Stadtgeschichte.
Denn weder das „Deutsche Haus“, ein großes Gasthaus mit Saal und Kino, das bis 1945 auf dem heute als Festwiese genutzten Areal nahe der Oder stand, an dessen Rand sich das Trafohaus befindet, noch die Adler-Apotheke und die Schuster-Werkstatt haben die Kämpfe am Ende des Zweiten Weltkrieges überstanden.
Die Fotovorlage zum Bild zur Breiten Straße und Oder hin müsse aus der Zeit um 1910 stammen, sagt Manfred Hunger. Denn die Kirche, die im Hintergrund zu sehen ist, habe ihre spitze Haube 1905 bekommen, weiß der Hobby-Historiker. Davor ist das Haus von Schneidermeister Böhme zu sehen, dem langjährigen Leiter der Lebuser Feuerwehr vor dem Krieg.

Ein karitativer Apotheker

Dann weist der Ortschronist auf das Haus im Vordergrund – die einstige Adler-Apotheke. Der Schriftzug sei leider nicht zu erkennen, bedauert Hunger. Dass er über den damaligen Apotheker Wilhelm Roth so einiges weiß, verdankt er einer Begegnung: Die damals bereits über 90-jährige jüngste Tochter Roths, Hermine Matz, habe ihn 2002 besucht, ihm viel über das Vorkriegs-Lebus erzählt und das Familien-Fotoalbum zum Einscannen der Bilder überlassen, berichtet der Ortschronist.
Wilhelm Roth, 1944 in Frankfurt (Oder) gestorben, sei ein „karitativer, sehr für Lebus engagierter Mann“ gewesen, sagt Hunger. Er gehörte zu den Mitbegründern der Stiftung für den evangelischen Kindergarten in der Stadt, war im Roten Kreuz aktiv, richtete in den 20-er Jahren im Nebengebäude eines Hauses auf dem Schlossberg die erste Lebuser Jugendherberge ein und organisierte das kulturelle Leben in der Stadt mit. Er soll sich auch dafür verwendet haben, dass die Nazis den inhaftierten jüdischen Arzt Dr. Bruno Kahn mit seiner Familie nach England ausreisen ließen.

Der Lebuser Wasserturm

Auf der gegenüberliegenden Seite des Trafo-Hauses ist ein weiteres untergegangenes Lebuser Bauwerk zu sehen: der alte Wasserturm. „Der ist zu Beginn des Ersten Weltkrieges, 1914, fertiggestellt und zum Ende des Zweiten, im Februar 1945, von Rotarmisten gesprengt worden“, weiß Manfred Hunger. Die Straße, an der der imposante Turm einst stand, heißt noch heute „Am Wasserturm“.
Der Ortschronist ist dem Lebuser Stadtverordneten Frank Guderian dankbar für die Möglichkeit, Stadtgeschichte einmal anders zu präsentieren. Guderian hat den Weg zur Finanzierung durch den Energieversorger e.dis geebnet. Die Stadtverordnetenversammlung hat die Gestaltungs-Ideen des Heimatvereins befürwortet. Manfred Hunger feilt bereits an den Vorlagen für die Gestaltung zweier weiterer Trafo-Häuschen in der Stadt, am alten Bahnhof und am sowjetischen Ehrenfriedhof in der Lindenstraße.