Denn der amtierende Vize-Bürgermeister Joachim Naumann, der sich im Vorfeld intern bereit erklärt hatte, Lebus bis zur Kommunalwahl im kommenden Jahr weiter zu führen, ist mit Blaulicht und dem Verdacht auf einen Schlaganfall aus der Versammlung ins Krankenhaus gekommen. Da sich unmittelbar vor der Wahl am Donnerstag ein Bewerber fürs Bürgermeister-Ehrenamt gemeldet hatte, muss die Amtsverwaltung erneut eine Stadtverordnetenversammlung zur Wahl ansetzen.
„Vielleicht haben wir Dr. Naumann überfordert. Ich habe jetzt ein ganz schlechtes Gewissen“, sagt ein Stadtverordneter, der ungenannt bleiben möchte, nach dem Desaster vom Donnerstagabend. Die zur Wahl eines neuen ehrenamtlichen Bürgermeisters und seines Stellvertreters anberaumte Stadtverordnetenversammlung im Kulturhaus der Oderstadt war nach kaum einer Viertelstunde vorüber. Da war die Stadtverordnete Monika Fritz ans Mikrofon getreten und hatte die rund 50 Gäste der Beratung, darunter etliche Medienvertreter, um Verständnis für die Entscheidung gebeten, die Sitzung zu beenden. Naumann habe „ernsthafte gesundheitliche Probleme“, erklärte die mit 69 Jahren zweitälteste Lebuser Stadtverordnete. Sie kommt laut Kommunalverfassung automatisch für die Geschäftsführung in Verantwortung. Doch was war geschehen?
Vorm Beginn der Beratung hatten sich die im großen Saal des Kulturhauses aufgestellten Besucher-Stuhlreihen so schnell gefüllt, dass Mitarbeiter der Lebuser Amtsverwaltung weitere Stühle heran holen mussten. Die Stadtverordneten kamen erst, als die meisten Besucher schon saßen, betraten den Saal im Pulk. Wie später zu erfahren war, hatten sie sich zuvor intern über das Vorgehen unter den veränderten Bedingungen abgestimmt.
Denn nachdem die von Wahlleiterin Iris Frackowiak gesetzte Ordnungsfrist für Bewerbungen zur Bürgermeisterwahl am 15. Januar verstrichen war, ohne dass sich ein wählbarer Interessent gemeldet hätte, gab es am Donnerstag doch noch einen Kandidaten: Gegen Mittag war Martin Thiel in der Amtsverwaltung erschienen und hatte seine Bewerbung zu Protokoll gegeben. Der 32-jährige Lebuser ist von Beruf Rettungsassistent. Dem Vernehmen nach hätte er keine Chance gehabt, an dem Abend gewählt zu werden.
„Keiner von uns kennt den Mann wirklich. Er verfügt offenbar über keinerlei kommunalpolitische Erfahrung und wäre insofern denkbar ungeeignet, der Stadtverordnetenversammlung vorzustehen“, sagt der ungenannt bleibende Stadtverordnete. Er berichtet von Absprachen im Vorfeld, bei denen die Abgeordneten den CDU-Abgeordneten und Tierarzt Joachim Naumann „bekniet“ hatten, die Stadtverordnetenversammlung bis zur nächsten regulären Kommunalwahl im Frühjahr 2019 kommissarisch weiter zu leiten.
Naumann war als mit 71 Jahren ältester Stadtverordneter in die Verantwortung gekommen, nachdem die Lebuser Bürgermeisterin Britta Fabig und ihre Stellvertreterin Maren Nickel ihre Mandate im Oktober vorigen Jahres niedergelegt hatten. Der nicht angekündigte erste Neuwahlversuch, bei dem der AfD-Stadtverordnete Detlev Frye mit deutlicher Mehrheit zum Vize-Bürgermeister gewählt worden war, wurde Anfang November annulliert. Zu der für den 23. November anberaumten ordentlichen Wahl eines Vize-Bürgermeisters erschienen nur vier der noch 13 Abgeordneten. Naumann habe sich danach schweren Herzens überreden lassen, „den Job“ bis zur Kommunalwahl weiter zu machen, heißt es. Er habe seine Zustimmung indes daran geknüpft, dass sein Fraktionskollege Detlev Frye nicht fürs Bürgermeisteramt kandidiere, so der Insider weiter. Denn in der Lebuser Stadtverordnetenversammlung haben sich der CDU- und der AfD-Abgeordnete mit den Abgeordneten der Bürgerallianz zu einer Fraktion zusammengeschlossen.
Am Donnerstagabend waren 11 Stadtverordnete erschienen, was Versammlungsleiter Naumann noch mit Genugtuung konstatierte. Zwei Stadtverordnete hatten sich bei der Wahlleiterin entschuldigt. Doch spätestens, als Naumann die im Saal sitzenden Medienvertreter scholt, sich nicht für die Situation und Probleme der Stadt, sondern nur für „parteipolitisches Gezänk“ zu interessieren und dabei merkwürdig lallte und das Mikrofon nicht richtig halten konnte, wurde allen im Saal ein Problem offenkundig. Gemurmel erhob sich, mancher fragte seine Nachbarn, ob der Versammlungsleiter womöglich betrunken sei? Doch Naumanns Abgeordnetenkollegen wussten, dass dies nicht der Fall war. Sie unterbrachen die Versammlung, brachten den schwer Erkrankten aus dem Saal und riefen den Notarzt, der kurz darauf eintraf. Der CDU-Politiker kam mit dem Verdacht auf einen Schlaganfall ins Klinikum Frankfurt.
Auf die Frage, wie es nun in der Lebuser Kommunalpolitik weitergehen soll, sagt Wahlleiterin Iris Frackowiak: „Da wir einen Bewerber fürs Bürgermeisteramt haben, wird der Amtsdirektor in Abstimmung mit dem oder der amtierenden Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung einen neuen Termin für die Wahl anberaumen.“