Es tat Gabriele Axmann in der Seele leid. Aber die Mitarbeiterin der Letschiner Heimatstuben musste unangemeldete Besucher am Samstagnachmittag wieder weg schicken. Das Hygienekonzept erlaubte nur 20 Zuhörer für den erst zweiten Vortrag des Jahres im Museum: Doris Steinkraus, langjährige einstige Leiterin der Seelower MOZ-Lokalredaktion, sprach darüber, wie sich die Wende vor 30 Jahren in der Lokalpresse widerspiegelte und diese selbst veränderte.
Zeitung zu lesen, habe damals wieder Spaß gemacht, erinnerte sich zunächst Heimatstubenleiter Edgar Petrick bei der Begrüßung der Gäste, die aus Letschin und Umgebung, aus Gusow und Seelow gekommen waren. In der so ereignisreichen Wendezeit, die Hoffnung, aber auch Ängste und für alle Bewohner der Region große persönliche und familiäre Einschnitte brachte, sei die Presse eine wichtige Informationsquelle gewesen, so Petrick. Er dankte Doris Steinkraus und ihren Mitstreitern, dass sie damals diese Aufgabe gut erfüllt hätten.

Nur eine Lokalseite

Dabei gab es 1989 im Neuen Tag nur eine Lokalseite, erinnerte die Journalistin ihre Zuhörer. Sie dankte zu Beginn vor allem Regionalhistoriker Reinhard Schmook für seine Hilfe bei der Recherche für den Vortrag. Lücken im MOZ-Archiv hätten eine aufwändige Suche im Kreisarchiv nötig gemacht – wenn Schmook nicht ein vollständiges Zeitungsarchiv aus dem Oderbruch hätte.
Sie habe zum Teil selbst vergessen gehabt, „was und wie wir damals geschrieben haben“, bekannte die Gusowerin, die nach einem Mutterjahr im März 1990 in die Seelower Lokalredaktion kam, deren Leitung ihr im Juni übertragen wurde.

Kritik war endlich möglich

Anhand vieler per Powerpoint-Präsentation an die Wand geworfener Zeitungsausschnitte erinnerte sie sich und ihre Zuhörer an die Berichte über die endlich möglich gewordene Kritik der Bewohner des Oderbruchs an Zuständen in Betrieben, im Handel und in der Infrastruktur. Die wurde unter anderem in so genannten Dialogveranstaltungen laut, über welche die Lokalpresse informierte.
Doch bis etwa zu den Volkskammerwahlen im März 1990 sei es den meisten Kritikern, nicht einmal denen aus dem Neuen Forum in der Region, um Reformen, nicht um einen neuen Staat gegangen, resümierte Doris Steinkraus.

Runde Tische im Kulturhaus

Sie erinnerte an das von Bürgern und Polizisten beendete Akten-Shreddern in der Seelower Stasi-Außenstelle, an die Runden Tische im Seelower Kulturhaus, an Überlegungen, eine eigene, unabhängige Kreis-Zeitung heraus zu geben und an ihre eigene enge Zusammenarbeit mit dem damaligen Seelower Superintendenten Reinhold Schmidt, der eine wichtige Rolle für den friedlichen Verlauf der Wende im Altkreis gespielt habe.

Tierärzte brachten der SPD den Wahlsieg

Dass die SPD der große Sieger der Wahlen im März 1990 waren, habe vor allem an den Tierärzten aus der Region gelegen, die den Menschen vertraut waren und dieser Partei beitraten, sagte Doris Steinkraus und verwies auf Ex-Landrat Dr. Albert Lipfert und Dr. Hannelore Kaul.
Fotos vom ersten Kreisparteitag der SPD nach der Wende zeigten den blutjungen heutigen Landrat Gernot Schmidt und seinen Beigeordneten Rainer Schinkel.
Die Journalistin erinnerte an den zweifachen Eigentumswechsel des Neuen Tag, den die Treuhand verkaufte und der am 17. März 1990 zur Märkischen Oderzeitung wurde. An die technische Revolution, die Einzug hielt, an Redaktionsbesuche in Moers, die plötzlich ganz andere Presse-Rechtslage und vieles mehr. Nach mehr als einer Stunde Vortrag und großem Applaus gab es noch manches persönliche Gespräch.