Professor Matthias Freude, Chef des Landesamtes für Umwelt, hat an die Bürgerinitiative geschrieben. Darin lehnt er das geforderte humantoxikologische Gutachten ab. Aus mehreren wissenschaftlichen Studien sei bekannt, dass Müllverbrennungsanlagen (MVA), die dem Stand der Technik entsprechen, die vorgegebenen Grenzwerte sicher einhalten würden. Beim TÜV-Nord werde nun ein Gutachten in Auftrag gegeben, in dem untersucht wird, ob die geplante Anlage dem Stand der Technik entspricht. Deshalb wurde der Erörterungstermin verschoben.
Geht es nach Jürgen Rudorf, ist diese Frage schon beantwortet. Der Diplomchemiker, der viele Jahre in Leuna arbeitete, zuletzt in Köln bei den Stadtwerken, referierte auf der Bürgerversammlung über technische Zusammenhänge einer MVA.
Er hat die Umweltgutachten gelesen und kommt zu dem Schluss: "Die Rüdersdorfer Anlage ist die Schmutzigste Europas." Er begründet dies u. a. mit Überschreitungen beim Ausstoß von Stickoxiden (NOx) und weil es nur vier Beprobungen im Jahr gibt. Er erklärte den Bürgern schwierige technische Zusammenhänge etwa so: "Sie werden zwei- bis viermal im Jahr von der Polizei kontrolliert. Das heißt aber nicht, dass sie nie die Geschwindigkeit überschreiten. Genauso geht es im IKW beim Ausstoß von Giftstoffen zu." Und er fügte an: "Wenn man nichts überwacht, kann man auch sagen, wir halten alles ein." Er bezweifelt, dass die Anlage mit der bestmöglich verfügbaren Technik ausgestattet ist. Zumal nun zusätzliche Stoffe, wie etwa Klinikabfälle oder Klärschlämme, verbrannt werden sollen, ohne dass an den Filteranlagen etwas verändert wird. Rudorf warnte vor einem Wettlauf zwischen Recyclern und Müllverbrennern.
Zweiter Redner war Prof. Gerhard Bundschuh, Facharzt für gerichtliche Medizin und Immunologie. Er legte dar, welche unterschiedlichen Ursachen bestimmte Krebserkrankungen haben. Ein Virus sei Ursache für den Gebärmutterhalskrebs, Bakterien hingegen sind verantwortlich für Magenkrebs. Bundschuh kritisierte die Darstellungen im Krebsregister. Denn dort werden alle Erkrankungen zusammengezählt und geschlussfolgert, dass es weniger oder mehr gibt. "Das ist unwissenschaftlich", betonte Bundschuh, der dem Landesumweltamt Datenfälschung vorwarf.
Rechtsanwältin Franziska Hess gratulierte den Bürgern zum Etappensieg in Sachen TÜV-Gutachten, erläuterte, wie ein Erörterungstermin abläuft, und ermutigte alle, sich diesem Termin zu stellen.
Antje Schirrmeister vom Umweltarbeitskreis forderte, dass wieder eine Messstation für Feinstäube aufgestellt wird. Eine solche sei kurz nach Inbetriebnahme des IKW abgebaut worden. Ein Bürger bat darum, Naturschützer mit ins Boot zu holen, ein anderer berichtete, dass in Herzfelde eine Anlage für kontaminierte Erden derzeit gebaut werde. Weiterhin werden Unterschriften für eine Petition an den Landtag gegen die Vattenfall-Pläne gesammelt. Possin hofft, dass bei der Übergabe in Potsdam viele Bürger dabei sind.