Die anderthalb Stunden vergingen wie im Flug. Dennoch gelang es den Schülern von Lehrerin Julia Berndt und ihrem Gast, in der begrenzten Zeit eine Fülle an Themen zumindest zu streifen. Ob Energiewende und Klimaschutz - besonderes Fachgebiet und Herzensanliegen der 34-jährigen Potsdamerin -, ob Pegida-Proteste, Massentierhaltung, das umstrittene Freihandelsabkommen TTIP, gesteigerte Flüchtlingsströme und deutsche Waffenexporte: Die Zehntklässler hatten teils sehr tiefgründige, konkrete Fragen mitgebracht. Und Annalena Baerbock war sichtlich bemüht, alle selbst in der Knappheit des Rahmens möglichst ebenso konkret zu beantworten.
Gleichwohl machte sie deutlich, dass einfache Antworten in der Politik, auch bei Debatten und Abstimmungen im Bundestag, eher die Ausnahme sind. Allzu oft gehe es um Interessensabwägungen, Gewichtungen, Prioritäten. Von den Jugendlichen auf Lobbyismus angesprochen, betonte sie, dass selbst dieser nicht per se schlecht sei: "Es kommt aber immer darauf an, sich nicht nur eine Seite anzuhören, sondern solcherart möglichst viele Standpunkte von Gruppen aus der Bevölkerung zu sammeln als Basis für eigene Entscheidungen." Generell müssten aber ethische Gründe mehr wiegen als wirtschaftliche Interessen, z. B. wenn es um Waffenexporte gehe.
Nicht jeder Abgeordnete könne zu jedem Thema Spezialist sein, bei bestimmten Abstimmungen müsse man dann einfach auf das Urteil der zuständigen Fachpolitiker aus der eigenen Fraktion als Orientierung vertrauen. Generell sei aber jeder seinem Gewissen verpflichtet, und das könne bei Entscheidungen wie zur Waffenhilfe für die von der Terrorgruppe IS bedrängten Kurden schon schwierig genug sein.
Durch ihr Praktikum im Bundestag hatte Schülerin Nina May den Kontakt hergestellt. Den Besuch zu organisieren, war nicht ganz leicht, denn gerade mittwochs tagen die Ausschüsse, in denen Annalena Baerbock Mitglied ist bzw. stellvertretend sitzt. "Wenn von 20 CDU/CSU-Mitgliedern einer fehlt, ist das weniger gravierend als bei nur drei Grünen", machte sie deutlich.
"Ja, man hat öfter man den Eindruck, gegen eine Wand zu rennen, gerade mit der 80-Prozent-Mehrheit der Regierung", gab sie auf eine entsprechende Schülerfrage offen zu. Gerade für die Opposition bestehe aber eine Aufgabe darin, für bestimmte Themen überhaupt eine (kritische) Öffentlichkeit herzustellen. So habe auch bei TTIP lange gar keiner gewusst, was in dem geplanten Freihandelsabkommen von EU und USA eigentlich drinstehe. Jetzt könne wenigstens breit über die vielen strittigen Punkte diskutiert werden.
Insbesondere mit Blick auf die Pegida-Proteste und die tatsächlich vorhandene Entfremdung etlicher Bürger von der Politik seien solche direkten Gespräche, nicht nur mit Jugendlichen, ganz wichtig. Die vielen engagierten Fragen der Gymnasiasten hätten ihr jedoch wieder einmal bewiesen, dass es an politisch-gesellschaftlichem Interesse bei den Heranwachsenden keineswegs fehle: "Nur die Schwelle, mit Politik in Kontakt zu kommen, ist oftmals zu hoch." Auch sie selbst, erzählte sie, hatte sich in der Schule nie für Parteien direkt interessiert. Durch ihr Praktikum bei einer grünen Abgeordneten im Europaparlament habe sich dann manches neu ausgerichtet.
Zufrieden mit der Doppelstunde war nicht nur der Gast. Auch die Schüler haben so einiges an Erkenntnissen und Anregungen mitgenommen: "Es war eine spannende Erfahrung, solche Standpunkte von einem Politiker mal direkt und nicht nur aus den Medien zu hören", urteilte Jean-Pierre Jahn. Antonia Markert wiederum fand es besonders reizvoll, wie viele verschiedene Themen bei dem Gespräch eine Rolle gespielt haben.