Jüdische Zwangsarbeit in Garzau? Noch nie etwas davon gehört! Nur eine alte und inzwischen verstorbene Garzauerin bestätigte Erika und Gerhard Schwarz, dass es in der NS-Zeit jüdische Zwangsarbeiter auf dem Rittergut Garzau gegeben hatte. Damit begann für die Historikerin Dr. Erika und Ehemann Gerhard Schwarz eine zähe, zielstrebige Recherche, die in das Buch mündete: "Das Rittergut Garzau und jüdische Zwangsarbeit".
Denn es geht dem Ehepaar nie nur um Rehfelde. Wenn sich die zugezogenen Senioren in ihrem Unruhestand innerhalb des Vereins Geschichtswerkstatt mit Historie befassen, ist das stets in gesellschaftlichem Kontext zu sehen und man wirft den Blick über den eigenen Wohn- und Lebensort hinaus.
Vier Jahre ist es her, dass das Autoren-Duo ein umfangreich recherchiertes Buch über die 800-jährige Geschichte von Rehfelde, ein Dorf auf dem Barnim, vorgelegt hat. Ein Jahr später ergänzt durch eine Publikation zur Geschichte der Rehfelder Straßen. Und nun die Nachbargemeinde?
Garzau sei ihnen während ihren Untersuchungen nie fremd gewesen, erklärt Erika Schwarz im Gespräch mit der MOZ. Es habe schon in der Vergangenheit Berührungspunkte zwischen beiden Orten gegeben: Ersterwähnungs-Urkunden, Landbesitz, beidseits genutzte Einrichtungen wie Bahnhof, Post und mehr.
Über die letzten Eigentümer des Rittergutes Garzau, die mit Vater Paul und Sohn Hans von Rohrscheidt bis 1933 zugleich die Vorsitzenden des "Landwirtschaftlichen Vereins Rehfelde und Umgebung" stellten, war das Ehepaar förmlich in die nächsten Recherchen hineingestolpert. Als sie Garzau auf einer Liste von 52 Orten (darunter auch Altlandsberg) entdeckten, in denen sich jüdische Arbeitslager befanden, war ihr Forscherdrang erneut geweckt.
Umfangreich recherchierten sie zur Herkunft der letzten Besitzer - Paul von Rohrscheidt erwarb das verschuldete Gut 1880, arbeitete sich zielstrebig ein und führte es erfolgreich, gefolgt vom ältesten Sohn Hans. Von familiären Verbindungen zu Thomas Mann und dessen Frau, die ebenso wie Paul von Rohrscheidts Frau eine geborene Pringsheim und damit Jüdin war, über die Kaisertreue der Familie und politisches Engagement Hans von Rohrscheidts in der Deutschnationalen Volkspartei, der 1925 sogar Mitglied im Provinzial-Landtag wurde, fand und sammelte das ambitionierte Ehepaar Fakten.
Sie lasen Rohrscheidts Reden, vergruben sich in Schilderungen des 1933 bis 1946 in Rehfelde wirkenden Pfarrers der Bekennenden Kirche, recherchierten in verschiedensten Archiven, suchten nach Quellen, Hinweisen, Verbindungen bis nach Washington, London oder zur Stasi-Unterlagenbehörde und führten umfangreichen Mailverkehr.
Letztlich waren es 20 schwer entzifferbare Namen mit dem Zusatz "aus Garzau" auf einer Transportliste nach Auschwitz, gefunden im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, die die Grundlage für das im Buch nachzulesende Garzauer Geschichtskapitel bildeten. Jedem noch so kleinen Hinweis, jedem Detail spürten sie nach, um mehr über Bedingungen und Leben der jüdischen Zwangsarbeiter in den Garzauer Jahren niederschreiben zu können.
Über viele Umwege stießen sie auf die Schwester von Zwangsarbeiter Werner Klopstock, 1939 nach Frankreich geflohen, deren Tochter Gisèle an den Erinnerungen ihrer Mutter schrieb. Über Letztere, die bei der ersten Buchvorstellung vor zwei Wochen in Rehfelde dabei war, bekam das Ehepaar Schwarz Zugang zu einem familiären Schriftwechsel mit über 100 Briefen und Postkarten.
Quellenstudium, was bis an die Grenze psychischer Belastbarkeit führte und Gerhard Schwarz im Gespräch noch heute schlucken lässt. Ausführlich lässt sich darüber exemplarisch für viele Schicksale im Buch nachlesen, während von weiteren namentlich bekannten Zwangsarbeitern Kurzbiografien erstellt wurden.
Nun liegen ihre Erkenntnisse in Buchform vor, ergänzt um Fotos, Fotokopien, Kartenauszüge. Es ist nachles- und nachprüfbar, dass zwischen 1939 und 1943 jüdische Zwangsarbeiter die kriegsbedingten Zwangsabgaben aus dem Gut Garzau ermöglichten, wie sie unter primitivsten Bedingungen untergebracht waren und bis zum Abtransport nach Auschwitz arbeiteten. "... weit mehr als ein Beitrag zur Lokalgeschichte ...", urteilt Hermann Simon von der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum im Vorwort.