Peter und Heike K.* haben ein Problem: Sie wollen sich im Herbst ihren Jahresurlaub gönnen und ihre pflegebedürftige Mutter bzw. Schwiegermutter dazu in der Kurzzeitpflege einer stationären Einrichtung unterbringen. Doch als sie den Wohn- und Betreuungsvertrag für die drei Wochen abholen, informiert sie die Pflegedienstleiterin darüber, dass die Einrichtung einen aktuellen negativen Covid-19-Test verlangt. Außerdem ein ärztliches Zeugnis nach einer Untersuchung der Atmungsorgane bzw. einer Röntgenaufnahme, dass die zu pflegende Angehörige frei von ansteckender Lungentuberkulose ist. Der vom Arzt unterzeichnete aktuelle Medikamentenplan ist da noch die geringste Herausforderung.
Heike K.s 80-jährige demente Mutter hat den Pflegegrad 5 und ist 100 Prozent schwerbehindert, bettlägerig und kann nur im Pflegerollstuhl befördert werden. Für sie sind jede Autofahrt und jeder Arztbesuch eine Zumutung.

83 Prozent Pflege zu Hause

Peter und Heike K. sind kein Einzelfall in Märkisch-Oderland. 2017 gab es 11.025 Pflegefälle im Landkreis. Deren Versorgung sei von einer Pflege in der eigenen Häuslichkeit geprägt, sagt der Report „Daten und Fakten zur Pflege im Landkreis Märkisch-Oderland“, erschienen 2019. Im Jahr 2017 nahmen 83,4 Prozent der Pflegebedürftigen Pflegegeldleistungen, ambulante Sachleistungen oder Leistungen der Kurzzeitpflege in Anspruch. Für all die gibt es Pflegepersonen wie Heike und Peter K., die einmal in Urlaub fahren wollen. Oder die selbst krank werden und ins Krankenhaus zu einer unumgänglichen Operation müssen. Dann müssen sie die Verhinderungspflege in Anspruch nehmen und haben dasselbe Problem.
Amtsarzt Dr. Steffen Hampel sieht die Forderung des Pflegeheims nach einem aktuellen Covid-19-Test für Personen ohne Symptome im Ermessen des jeweiligen Trägers: „Das Robert-Koch-Institut hat mit der Richtlinie Prävention und Management von Covid-19 in Alten- und Pflegeeinrichtungen vom 18. August sehr hilfreiche Handreichungen herausgegeben. Dort gibt es einige Handlungsempfehlungen, die ich für viel wesentlicher als einen aktuellen Test halte.“ Das Robert-Koch-Institut empfiehlt: „Bei Entwicklung von Symptomen, die mit einer Covid-19-Erkrankung vereinbar sind, sollte weiterhin umgehend eine Testung auf SARS-CoV-2 durchgeführt werden.“ Personen, die aus der häuslichen Umgebung aufgenommen werden und keinerlei Symptome aufweisen, „sollten möglichst für 14 Tage, jedoch mindestens für sieben Tage vorsorglich abgesondert“ werden. Dafür habe sie aber gar nicht die räumlichen Voraussetzungen, sagt die Pflegedienstleiterin.
Steffen Hampel, Amtsarzt und Leiter des Gesundheitsamtes des Landkreise Märkisch-Oderland, hält einen Covid-19-Test vor Einzig in die Kurzzeitpflege für nicht zwingend vorgeschrieben: "Das regeln die Träger intern."
Steffen Hampel, Amtsarzt und Leiter des Gesundheitsamtes des Landkreise Märkisch-Oderland, hält einen Covid-19-Test vor Einzig in die Kurzzeitpflege für nicht zwingend vorgeschrieben: „Das regeln die Träger intern.“
© Foto: Anett Zimmermann

Abstrich kostet 192 Euro

Wohin aber sollen sich jetzt Heike und Peter K. wenden? Dr. Hampel empfiehlt den Hausarzt eher nicht: „Der könnte nach der Gebührenordnung für Ärzte höhere Kosten in Rechnung stellen als die Corona-Ambulanz des Landkreises in Rüdersdorf.“ In der Tat empfiehlt der Hausarzt dem Ehepaar ebenfalls die Fahrt nach Rüdersdorf. Für die Strausberger ist das machbar, sie bekommen nach einem Anruf auch einen Termin zwei Tage vor dem geplanten Einzug ins Heim, denn der Test, sagt Dr. Hampel, darf nicht älter als 48 Stunden sein. Was Peter und Heike K. ebenfalls erfreut von der freundlichen Schwester am Ambulanz-Telefon erfahren: Sie können die Schwiegermutter mit dem Auto ins Zelt der Abstrichstelle fahren und müssen sie nicht umständlich aus dem Auto in den Rollstuhl bugsieren. Was sie weniger erfreut zur Kenntnis nehmen: den Preis von 192 Euro.
Die einzige Corona-Ambulanz im Landkreis Märkisch-Oderland befindet sich beim Krankenhaus Rüdersdorf (Foto), und zwar neben der Poliklinik in einem weißen Zelt auf der Wiese.
Die einzige Corona-Ambulanz im Landkreis Märkisch-Oderland befindet sich beim Krankenhaus Rüdersdorf (Foto), und zwar neben der Poliklinik in einem weißen Zelt auf der Wiese.
© Foto: Uwe Spranger
„Wir werden das in unserem Urlaubsbudget einpreisen müssen, schließlich müssen wir auch die Zuzahlung zur Kurzzeitpflege, die wir für die drei Wochen mit der Verhinderungspflege kombinieren müssen, in Höhe von 685 Euro noch leisten“, sagt Heike K., die selbst als Pflegekraft im Schichtsystem arbeitet. Dass andere Urlaubsrückkehrer auf dem Flughafen den Corona-Test kostenlos erhalten, findet sie ungerecht. Und da stimmt Amtsarzt Dr. Hampel ihr vollinhaltlich zu.