Viele kennen Renate Radoy als die Frau, die so wunderschön Ostereier gestalten kann. Ihr Osterspaziergang in winziger Schrift auf dem zerbrechlichen Gut ist in Rüdersdorf legendär. Andere wissen, dass sie sich bei den Pelle Kids und in vielen Kulturfragen einbringt. Viele schätzen sie wegen ihres Humors. Mit zig Menschen ist sie befreundet, mit manchen auch virtuell via facebook.
"Da ging es vor Kurzem um eine Aktion, wo man alte Bilder hochladen sollte. Von sich selbst. Da habe ich mal gekramt und das neben stehende Weihnachtsbild gefunden. Eingescannt, als pdf hochgeladen und fertig", erklärt die dreifache Urgroßmutter, als wäre es das Normalste der Welt.
Sie müsse auf dem Foto so drei oder vier Jahre alt sein, glaubt Renate Radoy. "Das heißt, das Bild stammt aus dem Jahr 1934/35. Und es wurde definitiv in der Wohnung der Eltern von Hansi aufgenommen. Das ist der Junge neben mir", erzählt sie. Mehr aber weiß sie über Hansi nicht. Denn dessen Eltern zogen wenig später aus dem Neun-Familien-Haus in Berlin-Karlshorst aus. Das Mietshaus aus den Gründerjahren war für damalige Verhältnisse sehr modern. Denn es gab schon eine elektrische Warmwasserheizung. Was aber nicht hieß, dass es in den Wohnungen sehr warm war. Denn wer das Bild richtig beschaut, erkennt, dass die Fenster, des Erkers mit Decken zugehängt sind.
Der Baum bei Hansis Eltern steht auf einem Tisch, so dass er größer wirkt. "Mein Vater Karl kaufte unseren Baum immer am Bahnhofsvorplatz Karlshorst. Die Fichte war meist auch eher klein. Und wenn er dann nach Hause kam, rief meine Mutter Bertha: ,Karl, was hast Du für ein unmögliches Ding angeschleppt.' Das war ein Teil des Rituals", lacht Renate Radoy. Teil II folgte Heiligabend, wenn Vater Karl hier einen Zweig abgeschnippelt und dort wieder einen angebaut hatte. Wenn die gläsernen Vögel mit dem wippenden Schwanz und die Kerzen angebracht waren, das eingewickelte Konfekt an Ort und Stelle hing, nicht zu vergessen die Schokokringel mit Liebesperlen, die Weihnachtskugeln hingen und in dicken Büschen das Lametta, dann rief Mutter Bertha: Karl, also so einen schönen Baum wie dieses Jahr haben wir noch nie gehabt.
"Und dieser Ausruf ist in meiner Familie geblieben. Meine Enkel, die in Kamenz wohnen, sagen ihn jedes Jahr", freut sich Renate Radoy. Gern erinnert sie sich an den Tag im neuen Jahr, wenn der Baum abgeschmückt wurde. Denn dann durften die Süßigkeiten geplündert werden. Die waren abgezählt. Und wehe, einer nahm sich etwas zu viel von den Liebesperlen-Kringeln. Die Nadeln des Baumes wurden in Papier gewickelt und als Anzündholz für den Ofen genutzt.
Sie gesteht, dass sie als Kind ein Wildfang war. Und neugierig. Bei der Mutter im Schrank hat sie vor Heiligabend herum geschnökert. "Und da fand ich eines Tages einen dreiteiligen, schwarzen Tuschkasten. Mit einem Aufkleber drauf. Ich war so begeistert, dass ich in der Schule schon angegeben habe, was ich für ein tolles Ding geschenkt bekomme", erinnert sie sich. Umso größer war die Enttäuschung, dass Heiligabend weit und breit kein Tuschkasten zu sehen war. Den hatte Cousin Armin bekommen. Denn ihre Eltern hatten das Schnökern bemerkt. Klein-Renate hatte etwas gelernt. Einen Tuschkasten bekam sie dennoch, Allerdings von den Nachbarn. Cremefarben und natürlich nicht so schön, wie das heimlich Gefundene.
Geschenke gab es nur wenige in ihren Kindertagen. Definitiv lag unterm Weihnachtsbaum aber immer ein Buch. An "Heidi" von Johanna Spyri kann sie sich erinnern. Das hat sie, auf der Ofenbank sitzend, als kleines Mädchen über die Weihnachtsfeiertage verschlungen. Die 84-Jährige erinnert sich daran, dass in ihrer Kinderzeit viel gebacken wurde. Und gesungen. "Wir wurden in der Schule angehalten, Gedichte zu lernen, möglichste jeder eine anderes zur Weihnachtszeit", erzählt sie. Aber auch an Bräuche. Wie die von den zwölf weißen Nächten. Das sind die nach Heiligabend. "Da hieß es, dass nicht gewaschen werden durfte, sonst würde jemand in der Familie sterben. Ausgenommen waren damals Windeln", erzählt Renate Radoy, die sich an diesen Brauch heute noch hält. Und, wenn eine Kugel vom Baum herunterfällt soll das übrigens dafür sorgen, dass ein Wunsch in Erfüllung geht.
Weihnachten feiert die Mutter einer Tochter, die zweifache Großmutter und dreifache Urgroßmutter im Kreise ihrer Familie. Es wird Entenkeulen geben und einen schön geschmückten Baum. So wie damals vor etwa 80 Jahren auf dem neben stehenden Foto in Karlshorst.