Wenn Doris Grewe über das westafrikanische Land spricht, dann strahlt sie und die Worte sprudeln nur so aus der 58-Jährigen heraus. "Das halbe Jahr in Ghana war meine beste Zeit", bilanziert sie gleich zu Beginn, um dann an den Anfang ihrer Geschichte zu gehen.
Die studierte Bauingenieurin ist über viele Jahre in verschiedenen Projekten als Sozialarbeiterin engagiert. Zwischendurch war sie arbeitslos. Wieder Arbeit zu finden, wurde mit zunehmendem Alter immer schwieriger. Auf der Suche nach neuen Herausforderungen stieß sie im Internet auf den mittelfristigen Freiwilligendienst MTV, der weltweit aktiv ist. "Ich wollte unbedingt nach Ghana", berichtet sie. Dort habe ihr Mann - gleichfalls Bauingenieur - vor 30 Jahren Straßen gebaut. "Ich selbst durfte nicht mit, musste praktisch als Sicherheit in der DDR bleiben", sagt sie. Trotz anfänglicher Skepsis wegen ihres Alters wurde sie eingeladen, bestand den Test, wobei ihre guten Englischkenntnisse von Nutzen waren, und erhielt seine Zusage. Einsatzort war Agona Swedru, eine 52 000-Einwohner-Kommune unweit der Hauptstadt Accra. Dort sollte sie an einer Hoch- und Berufsschule Nähen und Mathematik unterrichten.
Am 13. September 2013 ging die Reise los. Vor Ort lief es dann etwas anders. "Es gab schon zwei Mathe-Lehrer und man fragte mich, welche Fähigkeiten ich sonst vermitteln könne", erzählt sie und lacht. Als Judoka und langjährige Kampfrichterin habe sie schließlich Mädchen über entsprechende Kurse mehr Selbstvertrauen vermittelt. Auch ihre Leidenschaft für das Tanzen konnte sie einbringen: "Wir haben mit Walzer angefangen und waren schließlich beim Azonto, dem einheimischen Discotanz." Alle seien von Beginn an mit großer Begeisterung dabei gewesen.
Neben ihrer Lehrtätigkeit hat Doris Grewe während der sechs Monate das Leben in ihrer Gastfamilie in vollen Zügen genossen. "Sie haben mich praktisch adoptiert", sagt sie und berichtet von Beerdigungen, Hochzeiten und andere Familienfeiern, in deren Vorbereitung sie voll eingebunden war. Der Zusammenhalt hat sie beeindruckt. "Die Menschen dort sind das Beste", findet die Strausbergerin. Sie hat sie als "freundlich, sehr offen und respektvoll im Umgang mit den Alten" erlebt. Je älter, desto größer die Wertschätzung: "Das ist ganz anders als bei uns hier." Ihr vielfältiges Engagement dort habe gar keine Zeit für Heimwehgedanken gelassen, sagt sie und nennt lediglich eine Ausnahme: Weihnachten.
Regelrecht gerührt ist Doris Grewe, wenn sie auf die große Feier zu ihrem Abschied im März 2014 zu sprechen kommt.Bei 30 Grad im Schatten seien an die 1000 Gästen zu der Feier gekommen.
Als Krönung ihres Ghana-Aufenthalts erhielt sie zudem noch die Krone. Diese Geschichte nahm bei einem Fest ihren Anfang, als ihr der König des Ga-Stammes für Notfälle seine Visitenkarte gab. Die Ga stellen acht Prozent der Landesbevölkerung und leben vornehmlich in Accra und etwa 500 umliegenden Gemeinden. Der Notfall sei dann auch eingetreten, sagt sie. Weil Banken ihre Traveller Checks nicht einlösen wollten, bat sie um königliche Hilfe - mit Erfolg. Der König interessierte sich für ihr vielfältiges Engagement, lernte sie schätzen und schlug sie dem Hohen Priester und dem Präsidenten seines Volkes als Königin vor. "Königin, nicht dritte Ehefrau", wie sie betont. Die Krönung erfolgte unlängst bei ihrem Besuch am 9. Mai. Doris Grewe, die inzwischen im Asylbewerberheim in Neuhardenberg arbeitet, will über bestimmte Repräsentationspflichten hinaus in Ghana Projekte in Wirtschaft und Kultur anschieben. Und ein Buch über ihre Erlebnisse schreiben. Der Titel stehe schon fest: "Kiss a king".