Solche Musik kann nur machen, wer schon Erfahrungen sammelte und bereits mit Höhen und Tiefen lebte. Die Texte von Andrea Timm, die sie mit klarer melodischer Stimme emotional-eindringlich vorträgt, die nicht überfrachtet von Arrangements sind, zeugen genau davon.
Andrea Timm ist 52 Jahre alt, wurde in Berlin-Friedrichshain geboren und ist dort aufgewachsen. Ihre stimmliche Ausbildung bekam sie in über 30 Jahren im Eisenbahnerkinderchor und später im Jugendchor - bei Ehm Kurzweg. Beruflich ging es aber nicht in Richtung Musik, sondern zuerst einmal über eine Berufsausbildung mit Abitur zum Wirtschaftskaufmann. Studiert hat Andrea Timm Ökonomie im kulturell-sozialen Bereich, "heute würde man Diplom-Volkswirtin dazu sagen", erklärt sie.
Nach der Wende zog sie aus Berlin raus und wohnt seit 1998 in Waldesruh, ganz am Rand, in Ravenstein. Vor dem Fenster Wald und hinter dem Haus ein großer Garten, der bis ins Wohnzimmer hinein zu wuchern scheint. Hier schreibt sie ihre Musik mit ihren Freunden, hier entstehen ihre aus dem Leben gegriffenen Titel. Sie singt über ihre Tochter, die viel zu schnell groß geworden ist, über Verlust und den Schnee von gestern, der immer noch da ist. Auf ihrer ersten und bislang einzigen CD "Halbes ganzes Leben" verarbeitet sie auch Schicksalsschläge, wie den Unfalltod ihres Freundes Heinz Prüfer.
Mit ihrer Band, allesamt gestandene Musiker, von denen jeder Einzelne auf Jahrzehnte Bühnenerfahrung blickt - an der Gitarre Axel Stammberger (ehem. Veronika Fischer, Stefan Diestelmann u. a.), am Bass Marcus Schloussen (Renft), an den Drums Michael Behm (ehem. Stern-Combo-Meißen) -, ist sie für manch einen Freund ihrer Musik viel zu selten zu erleben.
"Es ist heutzutage schwer, Auftritte zu bekommen", hat sie festgestellt. Die Veranstalter müssen aufs Geld schauen und ihren Gewinn. Es gebe ein Überangebot an Musik und besonders in Berlin sei es schwer, mit anspruchsvoller Nichttanzmusik anzukommen, sagt sie. "Genremäßig sind wir im Singer-Songwriter-Bereich angesiedelt mit einem rockigen Einschlag und sprechen eben nicht die große Masse an, sondern Leute, wie wir es selbst sind", sagt sie. Da sei auf kleinem Raum mehr zu erleben, zu erfahren, zu erfühlen - im engen Kontakt mit der Band - als in einem Stadion.
Andrea Timm muss aber nicht von den raren Auftritten als Musikerin leben. Seit den 1990er-Jahren arbeitet sie in der SPD-Bundestagsfraktion in der Arbeitsgruppe Arbeit und Soziales. Erst seit fünf Jahren ist sie auch Mitglied der Partei. Aber auch in ihrem Heimatort will sie sich mit den auf Bundesebene gewonnenen Erfahrungen einbringen.
So hatte sie im Mai für einen Platz in der Gemeindevertretung kandidiert, aber den Einzug verpasst. Auf dem Stimmzettel stand bei Andrea Timm in der Spalte Beruf: Angestellte. "Ich hätte es besser gefunden, wenn da Musikerin und Volkswirtin gestanden hätte. Dem werde ich gerecht. Vielleicht wäre das bei den Wählern besser angekommen", sagt die Ravensteinerin lächelnd.