Er musste wohl in der Garderobe stehen, denn die Mitarbeiter des Kulturhauses Rüdersdorf hatten alle verfügbaren Sitzgelegenheiten in den großen Saal getragen. Uwe Steimle, als Polizeiruf-110-Partner von Kurt Böwe einen vorschriftentreuen Streber-Kommissar verkörpernd, kam als Kabarettist aus Dresden in die Kalkgemeinde und zog mehrere Hundert Freunde des politischen Humors in das Haus. Steimle, dem die Erfindung des Wortes Ostalgie nachgesagt wird, gab dem amüsierwilligen Publikum, was es fünf Tage nach dem 65. Jahrestag der untergegangenen DDR hören wollte.
Der zweistündige Monolog in Sächsisch hieß "Heimatstunde", und konsequenterweise stimmte der auch gesanglich begabte Steimle das Lied "Die Heimat hat sich schön gemacht" an, in dessen Gesang umgehend vor allem das weibliche Publikum einfiel. Als er postwendend "Durchs Gebirge, durch die Steppe zog unsere kühne Division" intonierte, scholl ein ungleich stärkerer, bassbetonter Männerchor durch den Saal. "Ja, Putin hätte hier wohl leichtes Spiel", setzt er einen Stachel in die Harmonie und erntet selbstironisches Gelächter.
Entsprechend schnell hat der Bühnenprofi die Besucher in der Tasche, kratzt sich gnadenlos bei ihnen ein: "Am meisten freut mich, dass dieser akropolisartige Hort der Kultur noch nicht geschleift wurde. Es ist doch erstaunlich, was damals 1956 für diesen Zweck hierhin gebaut wurde - und sogar fertsch wurde!" Steimles Bühnenpräsenz ist absolut. Ohne alle Fisimatenten und betont unaffektiert sinniert und räsoniert er in mehr oder weniger breitem Sächsisch, kokettiert freilich durchgängig mit der DDR-Herkunft. Er erzählt von Gesprächen mit Dresdener Schulleitern, die zum Erfahrungsaustausch über ein Ganztagsschulsystem mit gleichen Bildungschancen für alle Kinder nach Dänemark und Norwegen geschickt werden. Vermeidet aber den Satz "Es war nicht alles schlecht in der DDR", sondern konterkariert ihn nach Kindheitserinnerungen an ein überfülltes Wartezimmer beim Arzt, wo er mit hohem Fieber drei Stunden ausharren musste: "Sie sehen, es war auch nicht alles gut in der DDR." Doch das bleibt die Ausnahme.
Dem verklärten Blick zurück entspricht der Spott über die gegenwärtige Politik. Neben der Kanzlerin und dem Bundespräsidenten ist die Verteidigungsministerin Lieblingszielscheibe des Kabarettisten. Ihre vollmundigen Aussagen zur deutschen Verantwortung für die Befriedung vieler Krisenherde stellt er Nachrichten über die Mängel an der Wehrtechnik gegenüber. "Die deutsche Luftverteidigung besteht derzeit aus vier Haubitzen, das ist kein Witz!" Gern aber verliert sich Uwe Steimle in kleine und allerkleinste Begebenheiten, taucht in den Alltag mit Wortspielen und Sprachschnitzern, vom Kaffee to go am Kiosk zum "Hirn to go" beim Fleischer. Immer wieder aber wird sächsische Mentalität ausgebreitet. Dresdener Stadtpolitik geißelt er am Beispiel der Abholzung von einem Dutzend Birnbäumen an einer innerstädtischen Straße mit der Begründung, die Früchte vermatschten die Fahrbahn: "Früher hätten die Birnen die Fahrbahn gar nicht erreicht, aber heute kaufen die Neudresdener ja ihre brasilianischen Biobirnen im Supermarkt." Die Stadt habe dafür sechs neue Birnbäume pflanzen lassen - aber fruchtlose. "Und so ist die ganze Stadtpolitik: fruchtlos. Fourschbar!"
"Super!" hingegen finden die Familien Trötsch und Frieß aus Neuzittau den Auftritt Uwe Steimles. "Wir haben auch beide Lieder mitsingen können, da wurden Erinnerungen wach", fügt eine der Frauen an. Wie die vielen anderen Gäste war ihnen der Abend keine Minute langweilig. Der Beifall nach der zweiten Stunde war entsprechend anhaltend, so dass Steimle schon im Vorgriff auf sein Weihnachtsprogramm noch ein paar Geheimtipps zum Dresdener Stollen preisgibt. Erst bei der zweiten Zugabe zieht er richtig sein Imitationsregister. Seine grotesk überzeichnete Honecker-Parodie animiert einen Besucher gar, ihm am Bühnenrand einen mit Abzeichen von einem FDJ-Treffen verzierten Jagdhut zu überreichen.
"Heimatstunde" mit Uwe Steimle gab vielen Gästen einiges zu denken und allen viel zu lachen.