Altlandsberg hat gewählt – vielmehr benannt: Aus der Sitzung der Stadtverordneten Ende August ging mit knapper Mehrheit Heinz Völker als neuer Beauftragter für die Belange von Menschen mit Behinderung hervor. Anstelle der wegen eines Formfehlers gescheiterten Wahl Ende Juni hatte es ein erneutes Abstimmungsverfahren gegeben – diesmal als offene Wahl durch Benennung zwischen zwei Kandidaten. Schon beim ersten Mal entschied sich die Mehrheit der Stadtverordneten für den Gegenkandidaten von Vorgängerin Margot Pietsch: Heinz Völker. Dieses Mal sprang Detlef Börold für die kurzfristig zurückgetretene Margot Pietsch ein, während sich Heinz Völker wegen eines privaten Termins entschuldigen ließ, und bekam für seine spontane Kandidatur beachtliche acht Ja-Stimmen. Er hätte Pietschs jahrelangen Kampf um einen Aufzug im Rathaus fortgeführt, sagt Börold. Am Ende löst aber der abwesende Heinz Völker mit neun Zustimmungen die bisherige Behindertenbeauftragte ab.

Ziel ist Inklusion

Ihrem Nachfolger wünscht Pietsch, dass das Ziel einer inklusiven Gesellschaft im Fokus seines Wirkens steht und er es schafft, durch die Mehrheit der Altlandsberger Verantwortungsträger die nötige Unterstützung zu bekommen. Sie werde nun auf anderen Wegen weiter für die Barrierefreiheit in der Stadt kämpfen, versichert sie im Nachgang. Möglich seien Petitionen, um die im Erdgeschoss des Rathauses geplante behindertengerechte Toilette (bereits im Haushalt berücksichtigt) oder den Umbau des Gehwegs am Pflegeheim Röthsee für eine problemfreie Befahrung mit Rollstuhl voranzutreiben.
Im April 2017 wurde Pietsch als Behindertenbeauftragte der Stadt benannt und hatte eigentlich vor, ihr begonnenes Werk weiter voranzutreiben. Kurz vor der Abstimmung verlas aber Ronald Marks als Vorsitzender ihrer Wählergemeinschaft eine Begründung ihres Rücktritts. Als Mitglied der Wählergruppe „Aktiv und Offen/Altlandsberger Freie Wähler“ und behindertenpolitische Sprecherin wollte sie Angefangenes für ein lebenswertes Altlandsberg weiterführen, heißt es darin. Nun versuche sie, allen betroffenen Bürgern, die Hilfe und Beratung benötigen, diese auch weiterhin im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu gewähren.

Überraschender Rückzug

In ihrer Begründung zweifelt Pietsch die „objektive Sachkompetenz“ einer Mehrheit von Stadtverordneten an. Sie hätten jahrelange Verhinderungen von Projekten geduldet: Die letzte Abstimmung habe ihr gezeigt, dass nicht die Kriterien des Ausschreibungsverfahrens entscheidend seien, prangert sie an. Der Bürgermeister habe außerdem über Jahre die Umsetzung wesentlicher Beschlüsse, wie die Einrichtung eines Aufzuges im Rathaus, einer modernen Website und die Zugangsmöglichkeiten der Friedhofshallen im Ortsteil Altlandsberg und Bruchmühle, verhindert. „Damit existiert keine Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.“
Doch am größten ist die persönliche Enttäuschung. Sie hätte ihre ausführlichere Erklärung über den überraschenden Rückzug gern selbst verlesen, sagt die 72-Jährige. Es sei ihr aber nach der offensichtlichen Abwahl im Juni nervlich nicht gelungen, über die fehlende Anerkennung ihrer Arbeit hinwegzukommen. Arnold Jaeschkes nette Worte zum Abschied, ihre Gespräche seien immer konstruktiv und im Sinne der Stadt gewesen, und sein Dank für „außerordentliches Engagement“ könnten den hohen Zeitaufwand ihrer Amtszeit, geprägt von persönlichen Beratungen, Stellungnahmen, Begehungen, Weiterbildung, Freude, Anerkennung und auch Frust, gar nicht aufwiegen.

Behinderten-politisches Engagement

Durch eigene Betroffenheit von körperlicher Behinderung seit Kindheit und auch familiär ist Pietsch im Gegensatz zu Heinz Völker schon ihr Leben lang mit den Belangen der Menschen mit Behinderung vertraut. Seit 30 Jahren ist die sechsfache Großmutter behindertenpolitisch tätig – in Berlin baute sie nebenbei eine Selbsthilfegruppe auf und ist Ansprechpartnerin für eine Kontaktstelle in Märkisch-Oderland. Weil sie selbst im Rollstuhl sitzt, gut vernetzt sei und eine Richtlinie für die Arbeit des Behindertenbeauftragten sowie einen Teilhabeplan für Menschen mit Behinderung erarbeitet habe, wäre sie die bessere Wahl gewesen, meint Pietsch. „Inklusion ist nicht zum Nulltarif zu haben, doch die Kosten dürfen nicht hin- und hergeschoben werden wie bisher.“

Ohne politisches Bündnis

Heinz Völker gehört keinem politischen Bündnis mehr an, sagt er. „Ich sehe mich keinem verpflichtet, außer dem Bürger.“ Im Juni sei man an ihn herangetreten und habe ihn als ehemaligen Stadtverordneten angesprochen, sich für das Ehrenamt des Behindertenbeauftragten zu bewerben. Die beiden Fraktionen SPD und CDU hätten seine Kandidatur unterstützt. Seit 50 Jahren lebt Völker schon in Altlandsberg. Die Problemzonen der Stadt kenne er gut, beteuert der 74-Jährige. Er sehe keine Privilegien für den einen oder anderen – ihm fehlt noch die Verbindung zwischen den Aktiven des Seniorensports und Menschen mit anderen gesundheitlichen Einschränkungen. „Oberste Priorität hat für mich das Zusammenleben von Behinderten und Nichtbehinderten.“

Sportlicher Neuanfang

Heinz Völker wickelte einst den DTSB-Kreisvorstand in Strausberg ab, war dort als Geschäftsführer tätig. Beim Kreissportbund pflegte er bereits Kontakte mit Vereinen und organisierte Veranstaltungen. Er habe die Partnerschaft mit Frankenthal maßgeblich mit aufgebaut, erzählt er. Außerdem war der verheiratete Rentner 14 Jahre lang Vorsitzender des Altlandsberger Sportvereins MTV 1860 und spielte aktiv Fußball. Heute ist der Staffelleiter des Senioren-Fußballkreises eher auf dem E-Bike anzutreffen. Aber wenn es ein Heimspiel gibt, feuert auch Völker die Gastgeber mit an. Durch Margot Pietschs Engagement wurde viel in der Stadt erreicht, gibt der sportbegeisterte Völker zu. Nur müssten bei der Umsetzung von Maßnahmen auch immer Nutzen und Kosten abgewogen werden. So wolle er die Bedürfnisse behinderter Mitbürger auch in Zukunft ernst nehmen, müsse aber „nicht alles mit Gewalt umsetzen“. Für Wege ins Rathaus schlägt Völker die Nutzung neuer Medien vor. Er regt an, Senioren und Behinderten gleichermaßen Alternativen zu vermitteln. Jeder Bürger könne ihn jederzeit ansprechen – Völker zieht üblichen Sprechzeiten eine Terminvergabe vor.