Herr Stolze, wie verbringen Sie in dieser Feier unfreundlichen Zeit Ihren besonderen Geburtstag?
Ich bin echt kein Feiertagsmensch, habe deshalb lange überlegt, was denn für mich angemessen ist. Die Entscheidung war dann doch so einfach wie sinnvoll: Ganz in Familie mit Kaffee und Kuchen – nachmittags sowie abends dann grillen mit original Thüringer Spezialitäten.
Was wäre der Welt verloren gegangen, wären Sie nicht vor 75 Jahren geboren worden?
Ich hatte ja auf meine Geburt überhaupt keinen Einfluss. Vielleicht wäre der Schachwelt etwas verloren gegangen, denn immerhin habe ich einige  Bücher zum königlichen Spiel geschrieben und als Lektor des Schweizer Olms-Verlages betreut, darunter die siebenbändige Reihe "Meine großen Vorkämpfer" vom 13. Schachweltmeister Garry Kasparow.
Wo und wie haben Sie Ihre Kindheit verbracht?
Zunächst in Gera, dass ja bis 3. Juli 1945 von den Amerikanern besetzt war, dann erfolgte der Wechsel mit den Russen. In meiner Geburtsstadt bin ich auch eingeschult worden, aber als der Demokratische Rundfunk im Osten aufgebaut wurde und mein Vater dorthin  vom Sender Weimar wechselte, sind wir ihm als Familie gefolgt. Schule war in Berlin für mich als Thüringer kein Prob­lem. Nur als Linkshänder wurde ich gezwungen, künftig mit rechts zu schreiben. Da gab es anfangs häufig Tränen, weil sich die Feder des Füllers durchs Papier bohrte. Was Hobbys angeht, so dominierten Lesen und Fußball.
Was haben Sie beim typischen DDR-Schulaufsatz angegeben: Was will ich später mal werden?
Ich habe aus meiner Schulzeit nur einen einzigen Hausaufsatz aufgehoben, und den hüte ich wie einen Augapfel. Das Thema lautete: Warum ist das Buch "Hoffmann vor – noch ein Tor" mein schönstes Buch? Mein Deutschlehrer schrieb damals: "Das Schönste an deiner Arbeit: Aus ihr blickt überall deine große Liebe zum Sport und deine Begeisterung für ihn heraus. Die beste Arbeit der Klasse."
Sie haben angefangen, Medizin zu studieren, sich später als Student mit Volkswirtschaft herumgeschlagen, haben bei der DDR-Nachrichtenagentur ADN gearbeitet und sind anschließend bei der Kulturredaktion der Tageszeitung Junge Welt gelandet. Ein typischer Lebensweg sieht anders aus …
Im zweiten Anlauf hätte ich nach drei Jahren Nationale Volksarmee in Leipzig Journalistik studieren können. Aber ich war der Meinung, wenn du dann im Beruf nicht ankommst, dann kannst du immer noch ein guter Mann in der Wirtschaft sein. Glatten Wegen habe ich mich jedenfalls stets verweigert. In meiner Chronik folgte auf die Junge Welt  der Sportverlag Berlin. Da war ich von 1990 an neun Jahre Cheflektor, um dann bis zur Rente freiberuflich tätig zu sein. Typischer Lebensweg bedeutet doch, es ist alles vorbestimmt – von der Wiege bis zur Bahre. Das war aber nicht mein selbstbestimmter Lebensentwurf. Ich war immer neugierig auf Veränderungen, die nicht selten vom Zufall geprägt waren. Ich bin dem Schicksal also sehr dankbar.
Was ist Ihnen während der beruflichen Zeit besonders in Erinnerung geblieben?
Dass mir die Chance verbaut wurde, in den 1980er-Jahren Kor­respondent der Jungen Welt in Moskau zu werden. Alles ging eigentlich seinen Gang, die Familie war bereit auf das Abenteuer Sowjetunion in bewegten Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche. Aber dann kam aus mir bis heute unerklärlichen Gründen das Stoppzeichen. Niemals hätte ich aber davon zu träumen gewagt, dass ich acht Monate nach meinem Wechsel zum Sportverlag Berlin im Herbst, 1988 zu den Olympischen Sommerspielen in Südkoreas Hauptstadt Seoul reisen würde. Nicht zu vergessen die Zusammenarbeit mit so anerkannten Sportjournalisten wie Harry Valérien, Marcel Reif und Rudi Cerne.
Gibt es Persönlichkeiten, die Sie getroffen haben, die es ihnen besonders angetan haben und warum?
Da kommen sicherlich viele infrage. Ich beschränke mich auf drei: Menschenfreund Loriot, weil sein Humor niemals belehrend ist und man im Lachen gleichzeitig nachdenklich wird. Ich habe übrigens im Mai 1985 anlässlich seiner Ausstellung im Dom zu Brandenburg als erster DDR-Journalist ein Interview mit ihm geführt.
Günter Wallraff, weil er mit großem persönlichen Einsatz bewiesen hat, was investigativer  Journalismus  bewegen kann – und das nicht nur mit seinem internationalen Bestseller "Ganz unten".
Konrad Wolf, weil er sich immer aufs Neue als Filmregisseur und Präsident der Akademie der Künste (Ost)  unbequemen He­raus­forderungen gestellt hat, um in dem "Land hinterm Regenbogen", wie ich die DDR in meinem poetischen Verständnis in Erinnerung habe, etwas persönlich zu verändern, ohne zu belehren.
Sie sind ein Fachmann der Sprache mit feiner, aber scharfer Klinge. Welche Momente haben Sie sprachlos gemacht?
Eigentlich keine. Als ich allerdings mit Margarethe von Trotta ein Interview nach der Vorführung ihres Spielfilms "Rosa Luxemburg" zur fortgeschrittenen Zeit nachts um halb drei führen wollte, musste ich alle Kraft aufwenden, um bei unglaublichen Halsschmerzen noch einen Ton herauszubringen. Mein Text muss ihr aber gefallen haben, denn sie schickte mir ein Exemplar des Drehbuches – eine Kostbarkeit noch heute für mich.
Sie bezeichnen sich selbst gern als schwierigen Menschen. Wie schwierig sind Sie denn?
Ich kann bisweilen meine Mitstreiter mit meinem Arbeitseifer und dem dabei an den Tag gelegten Tempo überfordern. Aber ich bin gleichzeitig auch ein Ermutiger, der voll auf die Kraft des Teams setzt.
Ihr Lieblingszitat kommt aus einer Szene des Musical-Spielfilms "Linie 1", in dem ein Schaffner, den der Kabarettist Dieter Hildebrandt darstellte,  einen D-Zug mit den Worten "Bitte verrückt bleiben!" auf die Reise schickt. Wie verrückt sind Sie?
Das müssten Sie eigentlich  meine Frau fragen, aber ehrlich: Wenn es um die Sache geht, die ich unbedingt realisieren will, dann geht nichts ohne diesen Schuss Verrücktheit. Das bedeutet für mich doch nichts anderes, als sich eben nicht anzupassen und selbstzufrieden geben. Du musst im Leben schon versuchen, ich zu sagen, also auch scheinbar unlösbare Probleme anzugehen – selbst wenn du dann scheiterst. Warum aber kann, bitte schön, 2 und 2 nicht 5 sein?
Wen möchten Sie mal zu einer Kulturveranstaltung in Hoppegarten ankündigen?
Unbedingt die Schriftsteller Sasa Stanisic mit seinem Roman "Herkunft" und dann schon zum zweiten Mal Lutz Seiler, dem mit seinem Werk "STERN 111" ein unglaubliches persönliches Buch über  die Wendezeit 1989/90 gelungen ist. Und dann unbedingt noch Wolfgang Kohlhaase, dem wir als Autor zahlreich  DEFA-Meisterwerke verdanken. Ich erwähne nur einmal "Solo Sunny". Leider ist die Hauptdarstellern Renate Krößner kürzlich verstorben.
Was ist Ihr Lieblingsplatz in Hoppegarten und warum?
Da gibt es zwei: den Gemeindesaal, wo ja "meine" Veranstaltungsreihen stattfinden, und die Galopprennbahn. Nicht zuletzt, weil ich gerne wette ...
Was macht Raymund Stolze in fünf Jahren?
Gute Frage. Ich habe neulich einmal einmal gegoogelt, wie denn meine Lebenserwartung ist. Da wurden mir sage und schreibe 88 Jahre prophezeit. Aber die Vorhersage ist die eine Seite. Das Leben ist, wie wir häufig selbst erfahren müssen, oft verdammt real. Aber vielleicht spiele ich dann ja immer noch Schach beim KSC Strausberg oder bin endlich auf Lesereise mit meinen Kurzgeschichten aus  meinem Leben, die aber noch geschrieben werden müssen. Stoff ist  mehr als genug vorhanden.

Raymund Stolze: Ich mag...

Musik? Johann Sebastian Bach und die Beatles. Wer genau hinhört, der wird ahnen warum.  Schlagermusik ist dagegen nicht mein Ding.

Fußballverein? Natürlich Wismut Gera. Als Achtjähriger war ich bei den Oberliga-Heimspielen Stammgast im Stadion am Steg gewesen. Meine Stars waren Manfred "Manni" Kaiser und Bringfried "Binges"  Müller, die später sogar für die DDR-Nationalmannschaft Länderspiele absolvierten.

Film? Das Gangster-­Epos "Es war einmal in Amerika" von Sergio Leone.

Essen? Ehrlich  gesagt, eine Soljanka, die eine Freundin meiner Frau am besten kocht und wir gemeinsam zur kleinen Nachgeburstagsfeier ohne Familie versuchen werden, einen vollen Topf zu leeren.

Politiker? Ganz klar Hans-Christian Ströbele und Robert Habeck – weil sie wahrhaft authentisch sind! Beide waren übrigens Gäste der Reihe "Einfach lesen!" in Hoppegarten.

Farbe? Blau, nicht nur, weil so meine Augen tatsächlich leuchten.