Ein Visionär sei er gewesen, wird heute rückblickend über ihn gesagt. Fakt ist zumindest eines: Ohne Ferdinand Kindermann (1848–1919) gäbe es die Gemeinde Waldsieversdorf in ihrer jetzigen Form sicherlich nicht. Denn die Keimzelle des Ortes war jene Villenkolonie, die Kindermann vor 125 Jahren gegründet hat. Eben an diese Ursprünge wurde am Sonnabend bei einer mehrteiligen Gedenkveranstaltung erinnert. Auftakt und wichtigstes Element bildete dabei die Eröffnung jener Fotoausstellung „Waldsieversdorf – Einst und Jetzt“ in der Wasserturm-Galerie, zu der es demnächst auch noch ein Buch mit gleichem Titel geben wird.

50 Villen und moderne Versorgung

Heimatvereinsvorsitzende Katharina Helming erinnerte in ihrer Einführungsrede an die Person Kindermanns, der damals mit dem Erlös einer Dachpappenfabrik nach einer Investitionsmöglichkeit suchte und an dieser Stelle eine fand, aber auch an die Kämpfe mit der Bürokratie und auch der Familie des Grafen von Flemming, die an der Stelle der neuen Villenkolonie zuvor ihr bevorzugtes Jagdgebiet hatten. Schließlich aber konnten die etwa 50 Häuser für die eher betuchtere Zielgruppe, dazu Bäckerei, Metzgerei, Gasthof und Schule gebaut werden. Später kam noch das Sanatorium dazu, 1906 auch der Anschluss an die Kleinbahn von Müncheberg nach Buckow. Und schon 1897, als ein der Metropole Berlin längst nicht jeder über fließend Wasser und Elektrizität verfügte, war das in Kindermanns neuer Siedlung Standard: Mit dem Wasserturm, in dem nun auch die Ausstellung hängt, konnten alle Villen versorgt werden.

Buch mit Bildpaaren und Geschichten dazu

Die Idee zum Buch, das am 10. Dezember im Rahmen der Winterseminare im WaldKautz vorgestellt werden soll, entstand schon 2019, blickt Mitautorin Karin Stein-Bachinger. Frühzeitig hatte Kirsten Lauritsen da erste Quellen zusammengetragen. Später folgte ein halbes Jahr intensiverer Arbeit des Teams – und die Erkenntnis, dass es mit den vielen gefundenen Geschichten drumherum nicht bei einem Bildband, der markante Gebäude früher und heute gegenüberstellt, bleiben sollte. Gerade auch ein 98-jähriger Zeitzeuge aus Strausberg, der 1949/50 zu einer besonders spannenden Zeit im Ort lebte, brachte interessante Erkenntnisse.

Mit der Kamera auf schwieriger Pirsch

Es war Hans Bachinger, der fast alle neue Bilder passend zu den historischen Fotos und Postkarten gemacht hat, die sich durch einen Aufruf gefunden hatten. Um alles so in Szene zu setzen, sei nicht nur oft frühes Aufstehen für das beste Licht nötig gewesen, sondern auch das Überwinden einiger Hürden, wenn nunmehr Bäume oder andere Häuser etwas im Weg standen, sagte Katharina Helming. Von den etwa 55 Bild-Paaren, die es so insgesamt gibt, kann im Wasserturm nur ein Teil gezeigt werden.

Gedenkstein für Ortschronist Otfried Schröck

Die Anregung, sich Geschichte und Wandel auf diese Weise anzunehmen, stammt aus einer Publikum des im Vorjahr verstorbenen Ortschronisten Otfried Schröck. An ihn erinnert nun auf dem Gelände des Kindermann-Denkmals gegenüber dem Café Tilia ein Gedenkstein, der als zweite Etappe der Feiern am Sonnabend eingeweiht wurde. Richard Boßdorf würdigte Leben und Wirken des umtriebigen Heimatforschers Schröck. Beide waren befreundet, kannten sich von Kindesbeinen an, Boßdorf ist heute einer von nur noch zwei lebenden „Ur-Waldsieversdorfern“, die dort schon geboren wurden. Wie Kindermann, so sei auch Schröck ein Visionär gewesen, habe der Nachwelt reiche Forschungen und diverse Bücher zur regionalen Geschichte hinterlassen.

Eine lebendige Gemeinschaft

Zum Abschluss zog die kleine Gesellschaft noch weiter zur Festwiese, wo eine Abordnung vom Kinderstübchen ein kleines Programm mit Liedern darbot. Bürgermeister Dietmar Ehm würdigte in einer Rede das Waldsieversdorf von heute als lebendige Gemeinschaft und lebenswerten Ort, in dem gerade den Vereinen große Bedeutung zur Förderung des Miteinanders zukomme und gerade in den vergangenen sechs Jahren unter der Regie der heutigen Gemeindevertreter allerhand an weiteren Fortschritten erreicht werden konnte.