Zwischen 120 und 130 Musikliebhaber hatten sich an diesem Abend in der Petershagener Petruskirche eingefunden, wo die Bankreihen bis hinten besetzt waren. Mancher kannte die musikalischen Akteure schon aus dem Vorjahr, andere waren einfach neugierig – und wurden nicht enttäuscht. Das, was die Mitglieder des Kant-Chores aus Gusev (Gumbinnen) da zu Gehör brachten, war ein hochkarätiges Programm, das neben jedem Profi-Ensemble hätte bestehen können.
Dabei sind die Männer und Frauen aus dem Gebiet um Kaliningrad, bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zum damaligen Ostpreußen gehörend, lediglich musikbegeisterte Laien. Zwar wird zweimal wöchentlich zweieinhalb Stunden geprobt, vor Wettbewerben auch noch extra, war in den kleinen Pausen zu erfahren, in denen die Akteure zweimal zu den anderen Programmteilen auch ihr Outfit wechselten. Im Alltag gehen alle aber ganz normalen Berufen nach – sei es als Architekt, Lehrerin, Feuerwehrmann oder Matrose. Nicht jeder bekam jetzt für die Konzerttournee Urlaub, so dass die Truppe mit acht Sängerinnen und fünf Sängern unterwegs war.
Während zum Einstieg des Programms geistliche Lieder wie "Herr, deine Güte reicht so weit", "Das Abendmahl" oder mehrere "Ave Maria" erklangen, wechselten die Vertreter des nun schon seit 45 Jahren bestehenden Chores zu Teil zwei nicht nur in frische gelbe Gewänder, sondern zogen auch bei Rhythmus und Tempo etwas an. Auf "Ännchen von Tharau" als besonderen Gruß für allem mit dem ehemaligen Ostpreußen verbundenen, zweisprachig auf deutsch und russisch dargeboten, folgten das litauische "Ein Sommertanz" mit mitreißender Melodie, "Edelweiß" und "Falling in love with you". Beim deutschen "Im Wagen vor mir fährt ein schönes Mädchen" war die Hilfe des Publikums gefragt, das sich nicht lange bitten ließ, und mit "O happy day" gab es sogar noch einen kurzen Abstecher in Richtung Gospel, die enorme musikalische Bandbreite des Repertoires verdeutlichend.
Tour durch die halbe Republik
Nunmehr in rote, ebenfalls kunstvoll verzierte Gewänder gewechselt, schlossen in Teil drei Volksweisen diesen bunten Reigen, darunter schon im ersten Potpourri bekannte Titel wie "Kalinka", danach aber auch eine sehr sanfte Melodie aus Belarus. Viel Applaus war der Lohn für solch ein herausragendes Konzerterlebnis – und auch die enorme Energie der Akteure. Denn für die war es an diesem Tag schon das zweite Konzert, auf ihrer dreiwöchigen Tournee zwischen Eifel, Kassel, Koblenz, Magdeburg und dem Erzgebirge steht täglich mindestens ein Auftritt an, war am Rande noch zu erfahren.