"Zum Glück spielt das Wetter diesmal mit", sagt Knut Kucznik mit spürbarer Erleichterung in der Stimme. Reichlich Sonne, wirklich frühlingshafte Temperaturen – besser könnte es nicht sein für diese so wichtigen Tage im Schäferjahr. Schließlich ist da nicht nur der finale Abschnitt der Wanderschaft. Der Rückweg mit den 450 Mutterschafen heim nach Altlandsberg kommt gerade diesmal auch sozusagen auf den letzten Punkt. Denn gleich nach dem Scheren, was am Montag anstand, beginnen die ersten Tiere diese Woche zu lammen.
Noch gut kann sich der erfahrene Schäfer beispielsweise an 2017 erinnern, als es zu dieser Zeit regnete. "Da hat das Wetter überhaupt nicht mitgespielt, haben wir extra Folien gezogen, weil die Wolle nicht nass werden darf." Apropos Wolle: Damit ist Kucznik auch schon bei einem der vielen Ärgernisse, über die er sich derzeit immer wieder aufregen kann. Denn gerade 35 Cent bekomme man derzeit noch pro Kilo, Tendenz weiter fallend. "Vor ein paar Jahren waren wir noch bei 1,20 Euro. Schon das war ruinös", blickt er zurück. Beim derzeitigen Kilopreis schluckt er den letzten Halbsatz zur Bewertung der Zahl lieber herunter. "Das ist letztlich nur ein logisches Resultat einer Entwicklung. Die meisten Wollkämmereien sind nach Fernost ausgelagert worden. China hat jetzt mehr oder weniger das Monopol auf die Schafwollverarbeitung – und diktiert den Preis."
Es ist nur ein Aspekt unter vielen, die den uralten und an sich schönen Beruf des Schäfers, den auch der Brandenburger Landesvorsitzende weiter mit Herz und Leidenschaft ausübt, schon seit Jahren eher zur ständigen Leidensgeschichte machen. Während Kucznik noch kämpft und nicht müde wird, auch medial auf die Kümmernisse der Branche und aus seiner Sicht fehlerhafte Weichenstellungen oder Untätigkeit der Politik hinzuweisen, haben andere schon aufgeben müssen. "Ich sehe viele ältere Kollegen, die angesichts der Lage nicht an einen Nachfolger übergeben, sondern ihre Tiere zum Schlachter bringen", sagt er mit trockener Stimme und fügt hinzu: "Binnen zehn Jahren sind die Schafbestände in Brandenburg um über die Hälfte gesunken."
Kucznik kommt mit der Herde aus Berlin, arbeitet sich über Malchow und Lindenberg-Klarahöhe abschnittsweise tageweise immer weiter Richtung Heimatstandort vor. Die Überquerung der B 158 in der Ortslage Ahrensfelde ist dabei eine ganz besondere Herausforderung. Kurz hat er mit den wolligen Truppe auf der großen Wiese hinter dem schwarzen Netto "geparkt". Seine Helfer laden zwei Tiere auf, die es zu Fuß nicht mehr weiter schaffen. Dann setzt sich der Schäfer erneut in Bewegung: Kurzes Innehalten, weil die Bahnschranke gerade unten ist. Der Zug braust durch, parallel biegen die Schafe nun schon auf die Chaussee ein, deren linke Spur noch frei ist. Mit den sich wieder öffnenden Schranken ist die Herde zwischen Autos, Motorrädern und einem Bus eingereiht, passiert kurz darauf den Bahnübergang und die große Kreuzung. Hütehund Charly sichert von der Seite her ab, dass kein Schaf ausschert. Dann sind alle drüben auf dem Weg durchs Wohngebiet – geschafft.
Ab Mitte April, nach rund zehn Tagen im Stall, wird die Herde wieder rund um Altlandsberg die dortigen Freiflächen pflegen, beispielsweise am Langen Elsenfließ und Wegendorfer Mühlenfließ. Mittel aus dem Vertragsnaturschutz erhält der Schäfer dafür, doch selbst zusammen mit den Beihilfen der EU und den Zahlungen zum Wolfsschutz reichen die Einnahmen hinten und vorne nicht aus. Gutes Personal sei auch ganz schwer zu bekommen angesichts der Hungerlöhne, die er damit seinen Mitarbeitern nur zahlen kann, sagt Kucznik.
Gut findet er, dass der Bauernverband in seinen Forderungskatalog auch die Rettung der Weidewirtschaft reingeschrieben habe, das Thema auch vom Naturschutzbund (Nabu) klar angesprochen werde. Zumindest die Landesregierungen in Schwerin und Dresden seien ebenfalls aufgewacht. Mecklenburg wolle beim Herdenschutz jetzt 85 Euro pro Hektar drauflegen, Sachsen sogar 100 Euro. "Das reicht zwar längst nicht bei eher 250 Euro Kosten, ist aber ein guter Anfang." Dafür entsetze ihn, dass Brandenburg frühestens für 2021 über eine ähnliche Notmaßnahme nachdenke. "Dabei ist das Geld sogar im Haushalt eigentlich eingeplant." Weniger ein Versäumnis der Politik sei das Ganze als ein Problem der Verwaltung: "Dabei hat das Land jetzt sogar ein Verfahren der EU am Hals, weil unsere FFH-Gebiete nicht mehr ordentlich gepflegt sind." Und zum viel diskutierten Thema Insektenschutz weist er darauf hin, dass sich Artenvielfalt am besten auf den schäfergepflegten Wiesen erhalten lasse.