Ingrid Höger ist zufrieden, als Wolfram Wetzig ihr den Drei-Kilo-Karpfen einpackt. Zwar lebt die 79-Jährige allein im Otto-Grotewohl-Ring, aber sie bereitet den Fisch auch für einen Bekannten mit zu. „Ich mache ihn mit Biersoße, jedes Jahr zu Silvester, das muss einfach sein“, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln und legt die Tüte in den Korb ihres Rollators. Rentner Wolfram Wetzig und sein Sohn Jörg sind Freunde des Harnekoper Fischers Hannes Böhm und helfen seit Montag dessen Tochter Johanna Fritsche (20), den Lebendfisch im Strausberger Otto-Grotewohl-Ring zu verkaufen. Forellen, Hechte, Zander und natürlich Karpfen. Gerade alleinstehende Seniorinnen bevorzugen kleine Exemplare. „Ich habe schon drei Jahre keinen mehr gegessen“, beklagt eine ältere Frau aus Strausberg, „aber was soll ich machen: So ein Zweikilo-Fisch ist einfach zu viel für mich. Und meine Nachbarn kann ich nicht einladen, die haben selber Besuch.“ So lässt sie sich schließlich von Jörg Wetzig eine handliche Forelle empfehlen und isst doch noch Fisch am Silvestertag.

2020 war für den Fischer kein schlechtes Jahr

„Die Strausberger lieben den Fisch aus Harnekop“, sagt Wolfram Wetzig, „wir haben es nicht zusammengerechnet, aber es sind mehrere hundert Kilogramm, die wir in den vier Tagen hier verkauft haben.“ Hannes Böhm hat seinen Fischereibetrieb am Schlosssee in Harnekop. 2020 sei ein gutes Jahr für den Betrieb gewesen, schätzt seine Tochter ganz gegen den allgemeinen schlechten Ruf des Corona-Jahres ein: „Die Leute haben viel zu Hause gekocht, und da kam wohl auch viel Fisch auf den Tisch.“ Natürlich fielen zeitweise die Restaurants als Abnehmer weg, in Strausberg besonders Sebastian Marquardt mit dem Restaurant am Fischerkietz, der auch große Zander und Welse abnimmt.

Karpfen „atmet“ im Schlosssee durch

Hannes Böhm bewirtschaftet einige Seen in der Umgebung, hat aber auch bei Stralsund einige gepachtet. Von dort holt er die Zander und Hechte. Karpfen und Forellen kauft er in Angermünde zu und lässt sie im klaren Wasser des Schlosssees noch eine Zeitlang „durchatmen“, damit sie den Schlamm loswerden. Das komme dem Geschmack zugute, versichert Jörg Wetzig. Aus Stralsund holt Böhm auch den Aal, den er dann selbst räuchert. Den hatte er auf dem Bad Freienwalder Marktplatz im Angebot, wo er selbst mit dem Verkaufswagen am Silvestertag stand.