Mensch bleiben in unmenschlicher Zeit - dieser Satz taucht irgendwo in dem 90-minütigen Filmwerk der Niederländerin Annet Betsalel auf. Und er bildet den roten Faden dieser hochspannenden Spurensuche zwischen Berlin-Weißensee, wo Klemke aufwuchs und auch nach dem Krieg mit seiner Familie lebte, dem holländischen Bussum 20 Kilometer außerhalb Amsterdams und bis nach Israel, wo nicht nur eine Tochter des bekannten Buchillustrators, sondern auch Nachfahren der von dem damaligen Netzwerk des Widerstands Geretteten leben.
Klemke, der schon 1937 als Trickfilmzeichner angefangen hatte und kurz darauf als kritischer Freigeist in der Uniform eines deutschen Soldaten im eroberten Amsterdam landete, kam eben im titelgebenden "Erasmus" in Kontakt zu jenen, mit denen gemeinsam er mehrere Hundert jüdische Bürger und andere zu retten vermochte. Der Inhaber des Antiquariats und Buchladens war selbst aus Berlin stammender Jude, der Klemke einmal sogar dessen vergessenes Gewehr nachtragen musste.
Zum engsten Kreis der Gruppe gehörte Klemkes Freund Johannes Gerhard - im zivilen Leben Schiffsfotograf und somit weit herumgekommen. Er fiel, gerade frisch verheiratet, im Oktober 1944. Im Film stehen zwei der vier Klemke-Kinder an seinem Grab. Die Rede ist aber auch von Sam van Perlstein, der dank des zeichnerischen Talents von Klemke, der die Dokumente fälscht, als erster "arisiert" und damit der Verfolgung entzogen wird. Ein Geschäftsmann, dessen Firma die erste niederländische Lizenz zur Produktion des Monopoly-Spiels besaß und der nun auch wieder Zugriff auf sein Konto hatte, um eine Million Gulden für den Widerstand abzuheben. Mels de Jong, schon vor dem Krieg Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Bussum, war die zweite zentrale Gestalt. Das Team mit den Klemke-Kindern suchte zudem Häuser auf, wo damals Untergetauchte in Geheimzimmern versteckt wurden.
Klemke, der in der DDR beruflich Karriere machte, aber Distanz zur Regierungspartei SED hielt und der Stasi eine klare Absage erteilte, habe später nie von diesen Ereignissen in Holland gesprochen, so schon seine Kinder im Film. Enkelin Felicitas Klemke, Lehrerin in Rehfelde, bestätigte dies in der anschließenden Gesprächsrunde. Zu der hatten sich neben dem Klemke-Forscher Mathias Haberzettl, der die einleitenden Worte zum Film gesprochen hatte, auch die Klemke-Schüler Manfred Butzmann, Inge Jastram und Dietrich Lusici eingefunden.
Sie alle hatten aus ihrer gemeinsamen Zeit interessante Anekdoten über Klemke beizusteuern. Was dessen Erlebnisse als Soldat angehe, davon hätten aber auch sie erst aus dem Film erfahren, den alle lobten. Und in dem, so Haberzettl auf Nachfrage, alle Klemke-Zitate zu 95 Prozent authentisch seien.