Im Vorfeld durchdachten sie detailliert die tatsächliche Nutzung, prüften Alternativen wie Ausleihen von Autos bei Nachbarn und Eltern – für den Fall, dass sie doch mal eins brauchten.

Experiment wird fortgesetzt

"Manchmal ist es schwer. Da kommt der innere Schweinehund um die Ecke. Doch wenn alles durchdacht und gut vorbereitet ist, klappt es wunderbar", resümiert Stiebitz ein knappes Jahr später. Ob zum Einkaufen oder zur Arbeit, beide Wege erledigen sie und ihr Lebensgefährte mit dem Fahrrad. So absolviert jeder täglich etwa 80 Kilometer hin und zurück zum Arbeitsplatz in Berlin. An Wochenenden geht es außerdem gut 90 Fahrradkilometer ins Umland. Eine Erfahrung, die beide gemacht haben: Man sollte immer Flickzeug dabei haben.
Während Jenny Stiebitz in erster Linie auf ihr Rennrad setzt, hat ihr Freund bereits mehrfach Veränderungen vorgenommen. So rüstete er sein Fahrrad mit Bauteilen und Anleitung aus dem Internet selbst auf ein E-Bike um. Inzwischen hat er sich ein leistungsfähigeres Elektrofahrrad zugelegt, mit dem er genauso lange zur Arbeit braucht wie mit der S-Bahn. Mit Blick auf Verspätungen und Zugausfälle ist er aber deutlich unabhängiger geworden. Demnächst soll auch ein stärkeres Lastenfahrrad her, um Hündin Ylva bei größeren Touren besser mitnehmen zu können.
"Wir kommen total gut ohne Auto zurecht", lautet das Fazit von  Jenny Stiebitz und ihrem Freund. "Wenn man lernt, da­rüber nachzudenken, kann das Fahrrad wunderbar in den Alltag integriert werden", sagt sie. Wechselkleidung, die bestenfalls sogar am Arbeitsplatz gelagert werden könne, und robuste Kleidung für die Fahrt seien aber unabdingbar. "Eine Dusche im Büro wäre natürlich ein Traum", sagt die Strausbergerin und ergänzt: "Man darf sich nicht ärgern lassen." Konfliktpotenzial gebe es auch in der Familie, mitunter müssten Kompromisse gefunden werden. So sei die Fahrt zur Ostsee auf Fahrrädern doch etwas zu viel des Guten gewesen, weshalb das Auto der Großeltern ausgeliehen wurde.

Viele Gründe für das Auto

Dass viele Menschen nicht aufs Fahrrad wechseln, dafür sieht Jenny Stiebitz viele Gründe. Zeitdruck, fehlende und ungenügende Radwege, nicht ausreichende Ausrüstung und nicht zuletzt Rücksichtslosigkeit sowie Aggressivität auf den Straßen, nennt sie. Dass aber ein eigenes Auto angesichts von Sharing-Angeboten oder Leihmöglichkeiten nicht zwingend notwendig sei, habe ihre Familie bewiesen. Zumindest im Bereich zwischen Strausberg und Berlin funktioniere das. Insofern sei der Trend, mehrere Autos pro Familie zu haben, schon befremdlich, zumal viel öffentlicher Raum und Geld für dieses "Luxusgut" aufgewendet werden.
Für Jenny Stiebitz überwiegen die Vorteile des Radfahrens. "Man spart sich das Fitnessstudio, kommt gut vorwärts, lernt die eigenen Grenzen kennen und sieht eine Menge von der Region." Vor allem beim Einkaufen müsse bewusster darauf geachtet werden, was und wie viel benötigt werde. Doch das erfordere lediglich Planung und Übung. Zur zeitlichen Dauer ihres Experiments sagt sie: "Wir wollen es jetzt weiter durchziehen." Wenn sie mal nicht Radfahren könne, merke sie gleich, wie sie unruhiger werde und ihre Laune leide, sagt sie und lächelt.