Herr Zöllner, wie geht es Ihnen als Musiker in dieser Corona-Zeit?
Ich bezeichne mich als einen ausgesprochen glücklichen Menschen. Ich hoffe nur, dass bald alles wieder etwas normaler wird. Denn mit 20 Menschen, die zuhören, können weder ich noch die Veranstalter wirklich überleben. Aber mit einem Ambiente von 150 bis 200 Leuten bin ich über alle Maßen zufrieden. Aus Überzeugung sage ich: Zu viel Erfolg und Inszenierung sind nicht gut für die Psyche. Ich kann auch gut andere Dinge machen. Für den Kunsthof Köpenick habe ich beispielsweise das kleine Podest gebaut, auf dem wir gerade sitzen.
Ihre Musik wurde zu Ostzeiten mit Funk und Soul verbunden …
Das wird immer so gesagt, weil man Schubladen sucht. Es war vielleicht nicht so typisch für die DDR. Ich habe wohl eine Mixtur aus den Geschmäckern meiner Eltern mitbekommen: Meine Mutter hörte Platten von James Brown, „The Temptations“ und Otis Redding. Mein Vater stand mehr auf „Renft“, die Rolling Stones des Ostens, mit sehr wilder Musik und deutschen Texten. In meiner Teenie-Zeit war vor allem Glam-Rock angesagt. Deshalb die bluesig-soulige Komponente.
Wie sind Sie zur Musik gekommen?
Die Musik ist zu mir gekommen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Musiker werde. Ich hatte keine Ausbildung oder wurde als Kind darauf getrimmt. Irgendwann habe ich nur festgestellt: Das ist meins! Als ich 1985 damit professionell anfing, war ich schon 22 Jahre alt. Zuerst wollte ich Theatertischler werden, weil ich gerne male und schnitze. In der Planwirtschaft der DDR gab es aber keine Lehrstelle für mich. Dann habe ich in Berlin-Grünau Betonwerker gelernt und kam mit 19 Jahren zur Armee, wo ich Gitarre lernte und Texte schrieb. Dort bin ich dann hängen geblieben. Musik zu machen, ist für mich die größte Freiheit.
Wie entsteht Ihre Musik?
Mit der Gitarre, wie bei einem klassischen Liedermacher. Dann habe ich einen Haufen Musiker um mich, vor allem André Gensicke. Er arrangiert meine Ideen und malt die groben Skizzen aus. Dass wir schon 33 Jahre zusammen sind, bedeutet mir sehr viel. André Gensicke schafft es manchmal, Songs völlig neu zu erfinden bei einem Konzert. Dieser Moment der Veränderung in der Improvisation ist das große Glück. Ich habe das große Privileg, als erwachsener Mann immer noch wie ein Kind spielen zu dürfen – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir haben uns viele Dinge verwirklicht, sind ohne goldene Schallplatten immer noch unterwegs als Band, die wir 1987 gemeinsam gegründet haben. Da muss Liebe im Spiel sein. Sonst würde man es nicht miteinander aushalten.
Welche Rolle spielt die Konstellation „Die Zöllner“?
In dieser Konstellation können wir mit unserer Musik überleben. Als Einzelner ist man ja nur wie eine Halbschale, die vor sich hinschaukelt. Erst in der Verbindung mit jemand anderen wird man zum Kreis und fängt an, zu rollen. Das geht mir mit allen wunderbaren Musikern, mit denen wir beide zusammen spielen – großartige Gitarristen, Schlagzeuger, Bassisten, Bläser. Jeder fügt seinen Teil zum Gesamten dazu. So sind wir als großes Rad über alle Klippen des Lebens hinweggerollt.
Wie haben Sie die Corona-Krise überbrückt?
Wir haben ein paar Live-Streams aus der Ferne gemacht und uns mit einer Coverversion von Edo Zanki („Gib mir Musik“) an der Protestaktion „Stumme Künstler“ beteiligt. Neben Homevideos habe ich die Zeit genutzt, wieder mal ein Buch zu schreiben. Vor acht Jahren trug mir der Eulenspiegel-Verlag eine Autobiografie auf. Da habe ich entdeckt, wie es ist, selber Geschichten zu schreiben. Seitdem mache ich auch Kolumnen für die Zeitung. Im September erscheint im Eulenspiegel-Verlag „Herzkasper“. Es geht darin viel um Musik, aber es sind auch Betrachtungen über das Leben, die Liebe, und ich habe die Corona-Zeit analysiert: was ich daran gut finde oder welche Herausforderungen ich in dieser Veränderung erkenne.
Welche Erkenntnisse waren das?
Viele Dinge, die man nicht braucht, oder was besonders gebraucht wird. Ich war nicht unglücklich, plötzlich so viel Zeit zu haben und aus dem Hamsterrad rauszufallen, möchte aber in erster Linie wieder auftreten. Die meisten Künstler gleichen wie ich mit Applaus auch ein kleines Selbstwertdefizit aus, um sich ganzheitlich zu empfinden. Das fehlt zurzeit. Andere Dinge, wie mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen, finde ich dagegen wunderbar. Ich hoffe, dass wir Erkenntnisse aus diesem Lockdown gewinnen. Die ganze Thematik mit Umwelt ist wichtig für unsere Kinder. Ich habe selbst vier leibliche und zwei, die ich als meine eigenen empfinde.
Wann haben Sie nach dem Lockdown wieder das erste Mal gespielt?
Anfang Juni, hier in Köpenick, vor einem Altersheim. Früher hätte ich darüber gelacht. Ich wurde von einem kleinen Kulturverein angefragt. Da haben dann die Leute auf ihren Balkonen gesessen oder an den Fenstern gestanden und ich hatte das Gefühl, als Musiker relevant zu sein. Ich habe nur für eine winzige Gage gespielt, aber hatte das Gefühl, es hat dort einen Sinn.
Demnächst spielen Sie auf dem Arche-Hof, nur eine kleine Bühne ...
Die Anonymität auf den großen Bühnen beherrsche ich auch. Aber ich liebe die kleinen Konzerte mehr, wo es eine unmittelbare Reaktion vom Publikum gibt – dass jemand etwas reinruft. Grundsätzlich gehe ich lieber an der eigentlichen Musikindustrie vorbei und mag es sehr persönlich. Ich betreibe ja Exhibitionismus mit meinen Themen und Texten, gebe etwas preis von mir. Ich sehe mich im klassischen Sinne als Geschichtenerzähler. Über die vielen Jahre habe ich mir ein Publikum angesammelt, das mein Überleben garantiert.
Gibt es bereits neue Pläne?
Die Frage ist: Wo findet meine Sehnsucht ein Ventil? Das können ein Buch, eine Idee für eine Show, ein Song sein. Ich bin kein Typ, der ständig Kunst macht und schreibt. Ich lasse mich da ein bisschen fallen und schaue, was das Leben so bringt. Momentan habe ich keinen Plan, aber meistens gibt es irgendetwas, das ich verwirklichen möchte. Das bedeutet immer sehr viel Aufwand, vergleichbar mit der Geburt eines Kindes, und verläuft nie ganz schmerzfrei. Die Mitmusiker zu überzeugen, bedeutet intensive, kostspielige Arbeit, wenn man sich nicht auf die Musikindustrie einlässt. Manchmal haut es hin, so dass es sich auszahlt, und manchmal ist es eine Totgeburt. Ich möchte auch, dass die Dinge mir gehören und keiner reinquatscht.
Welche Botschaften verpacken Sie in Ihrer Musik?
Ich benutze sie, um selbst auf den Punkt zu kommen. Für mich ist es ein Komprimat meiner eigenen Gefühle – eine Art Selbsttherapie. Ich empfinde zum Beispiel die Melancholie als etwas Schönes, das die Kunst und die Musik anregt. Mein zentrales Thema ist die Liebe. Politik spielt auch rein.
Verändert sich mit der Lebenserfahrung auch der Stil?
Ich rocke noch manchmal, aber die große Rebellion ist Sache der jungen Menschen, die mit dem Kopf durch die Wand wollen. In der Corona-Zeit habe ich eher die Langsamkeit wieder entdeckt. Dass wir jetzt diesen Umbruch erleben, ist schon sehr aufregend. Mit lebendigem Herzen gehe ich da mit. Trotzdem ist Unabhängigkeit vom Geld auch eine Form der Freiheit. Bei allem, was heute gut ist, fehlt mir manchmal diese Sorglosigkeit aus meiner Jugend als Hippie, mit 50 DDR-Mark im Monat überleben zu können. Das wäre für junge Musiker und Musikerinnen heute gar nicht mehr möglich.
„Duo Infernale“ – André Gensicke und Dirk Zöllner, 15. August, 20 Uhr, Arche Neuenhagen; Karten (VVK 20 Euro; AK 25 Euro): Tel. 03342 21584