Wie stark belasten Straßen-, Bahn- und Fluglärm die Lebensqualität? Die Ruhr-Universität Bochum will es herausfinden. Dazu sollen auch 5000 Menschen aus dem Umfeld des Flughafens BER befragt werden. Auch Bewohner von Märkisch-Oderland und Oder-Spree sollen Post bekommen.
Noch wurden in Brandenburg nicht alle Anschreiben an die Umfrageteilnehmer verschickt, und doch hat Dirk Schreckenbach bereits festgestellt: "Die Bereitschaft, mitzumachen, ist sehr groß." Schreckenbach leitet das Zentrum für Umwelt- und Sozialforschung in Hagen und ist stellvertretender Projektleiter der Lärmwirkungsstudie Norah. Der Name steht für die englischen Begriffe Noise (Lärm), Related (Zusammenhang), Annoyance (Beeinträchtigung) und Health (Gesundheit). Die Untersuchung will ermitteln, wie sich bestimmte Lärmpegel auf Kinder im Grundschulalter auswirken.
Die Studie wurde von der Ruhr-Universität Bochum entwickelt. Sie wird an Flughäfen in der Rhein-Main-Region, in Köln-Bonn, Stuttgart und Berlin/Brandenburg durchgeführt. Zehn Forschungseinrichtungen sind beteiligt. Die Finanzierung erfolgt über das Land Hessen. Im Umfeld des Schönefelder Flughafens unterstützt das Gesundheitsministerium Brandenburg die Umsetzung.
In Brandenburg läuft die erste Welle der Befragungen von Mai bis Oktober. Aus Orten, in denen Fluglärm befürchtet wird, wurden Teilnehmer ausgewählt. Laut Projektleiter Prof. Rainer Guski von der Ruhr-Uni wurde eine Linie um den neuen Flughafen gezogen, wo ein Fluglärm-Dauerschallpegel von 40 Dezibel (A) erreicht wird. Innerhalb dieses Raums werden Wohngebiete nach der Fluglärmbelastung (Tag/Nacht-Dauerschallpegel) gruppiert. Ferner werden Wohngebiete anhand von Prognosepegeln für Fluglärm 2015 drei Gruppen zugeordnet: Gebiete mit erwarteter Zunahme, mit erwarteter Abnahme und ohne Änderung. Aus den Gruppen werden nach Zufallsprinzip stichprobenartig Adressen auf Basis von Melderegisterdaten gezogen. Laut brandenburgischem Meldegesetz ist dies erlaubt, wenn öffentliches Interesse besteht. Da es sich um eine Gruppenauskunft handelt, muss das Meldeamt zunächst das Innenministerium fragen, ob es die Daten weitergeben darf, sagt Sven Müller, Sprecher der Landesdatenschutzbeauftragten.
Zusätzlich zur Befragung erfolgen Lärmpegelberechnungen für jeden Teilnehmer. Dies geschieht zunächst aus der Ferne, anhand von Flug-, Bahn- und Verkehrsdaten. "Wir haben Akustiker mit im Team, die werden für jedes Haus den Lärm berechnen", sagt Schreckenbach. Aufgrund von Straßenbelägen und Verkehrsmengen ließen sich zuverlässige Werte bestimmen. "Wenn die Situation nicht ganz klar ist, fahren unsere Leute auch vor Ort", kündigt Schreckenbach an.
Nach der Eröffnung des Flughafens werde die Umfrage wiederholt, um Veränderungen zu erfassen. Die Studie umfasst die Themen Lebensqualität, Krankheitsrisiken, Herz-Kreislauf-Effekte, Blutdruck-Monitoring, Schlafqualität und Entwicklung kognitiver Leistungen bei Grundschulkindern.
Die Ergebnisse sollen als Entscheidungsgrundlage für passiven Schutz (z. B. Schallschutzfenster) und aktiven Schutz (z. B. andere Flugrouten-Führung) genutzt werden. In der Region findet das Anklang. "Man braucht wissenschaftliche Daten, um Auswirkungen und Langzeitfolgen zu dokumentieren", sagt Woltersdorfs Bürgermeister Rainer Vogel (Grüne). Sein Schöneicher Amtskollege Heinrich Jüttner sieht solche Studien "vor Gericht sehr hilfreich".
www.norah-studie.de