"So viel Stasi habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen." Aufregung, Überforderung und ein wenig Angst sind ständiger Begleiter. "Ich hätte am Liebsten geheult. Alles ist so durcheinander in dieser Stadt."
30 Jahre Grenzöffnung verhandelt "Die Andere Welt Bühne" in Strausberg in ihrem neuen Stück. Am Sonnabend feierte "Horror Vacui? – ein Aushandlungsprozess" Premiere im ehemaligen Wasserwerk des DDR-Fernmeldezentrums in Strausberg. Auf Holzbänken sitzt das Publikum um eine Drehbühne herum. Die Schauspielerinnen und Theaterbetreiberinnen Melanie Seeland und Inés Burdow erzählen Geschichten aus der Zeit des Mauerfalls und danach – Bruchstücke, die nachdenklich, euphorisch und auch kritisch sind. Ihre Widersprüchlichkeit spiegelt die Komplexität des Themas. Nach "Pikeslust" und "Heimatmaschine" ist "Horror Vacui?", "Die Angst vor der Leere", der letzte Teil der Trilogie zum Thema "Verortung" – erneut unter der Regie des Berliner Regisseurs Rico Wagner.
Zur einer Workshop-Reihe hatten der Regisseur und die Schauspielerinnen Menschen aus Strausberg eingeladen, um über ihre Erfahrungen und Meinungen zur Grenzöffnung zu sprechen. 40 Personen aus Ost und West füllten außerdem Fragebögen aus. "Wir hatten unfassbar viel Material", erzählt Melanie Seeland. Regisseur Rico Wagner hat daraus eine facettenreiche Textfassung gebastelt. Es wird deutlich: Noch immer gehen die Deutungen weit auseinander. Gerade deshalb erscheint es spannend und wichtig, das Thema künstlerisch zu verhandeln und Zeitzeugen selbst zu Wort kommen zu lassen.
Im Strudel der Ereignisse dreht sich die Bühne unermüdlich. Inés Burdow und Melanie Seeland toben und tanzen über die Holzscheibe, springen hinunter, um sie anzuschieben. Sie tragen durchsichtige, farbig umsäumte Regelmäntel, als müssten sie sich schützen. Doch die Ereignisse, die auf sie einprasseln, lassen sich nicht abhalten. Wie steht es um diese ominöse Einheit? "Blabla blabla", verspottet Melanie Seeland die Reden von Politikern. Der ersehnte Zusammenschluss führt auch zu Verlusten. "80 Prozent meiner Werte und Ideale sollten falsch gewesen sein", sagt Inés Burdow in einer Rolle. "Ich wünsche mir den real existierenden Sozialismus nicht zurück. Aber die Wiedervereinigung selbst, die hätte anders passieren müssen." Auf Euphorie folgte Enttäuschung. "Die damals am lautesten geschrieen haben: ,Wir sind das Volk’, die sind dann am härtesten gelandet."
Die Erzählungen werden immer wieder jäh unterbrochen. Songs wie "I’ve Been Looking For Freedom" von David Hasselhoff dröhnen aus den Lautsprechern. Die Schauspielerinnen rennen um die Bühne. Die Überforderung, die die Wendezeit mit sich brachte, wird sinnlich erfahrbar. Trotzdem täte der Inszenierung etwas mehr Ruhe und Vertrauen in die Texte gut. Denn Langeweile kommt ganz sicher nicht auf.
"Ich hatte Tränen in den Augen", berichtet Dagmar Opitz. Sie hat an einem der Workshops teilgenommen und Teile ihrer Geschichte im Stück wiedergefunden. "Ich hoffe, dass sich das Theater richtig etablieren kann", sagt ihr Mann Jochen Opitz, der zur Inszenierung zwei Lieder auf der Gitarre beisteuert.
Nächste Vorstellungen: 11. Mai und 18. Mai, jeweils 19.30 Uhr,; 26. Mai, 11.30 Uhr, nach der Vormittagsvorstellung Publikumsgespräch, Die Andere Welt Bühne, Wasserwerk Kulturstätte, Garzauer Straße 20, Strausberg, Kartenreservierung per E-Mail an wasserwerk@anderewelt.org