„Eine solche Hilflosigkeit kannte ich gar nicht“, sagt Eric Berg und blickt zu seinem Bruder Luca Alscher. Dass der 17-Jährige wieder mit ihm am Küchentisch sitzen kann, wenn auch im Rollstuhl und am Oberkörper fixiert, ist bereits ein kleines Wunder, an das er im Sommer 2022 nicht zu hoffen gewagt hatte. Vor rund einem halben Jahr saß der ältere Eric noch am Krankenbett auf der Intensivstation und konnte für Luca nichts tun. Denn der war nach einem schweren Motorradunfall ins künstliche Koma versetzt worden.
„Ich musste einfach etwas machen“, so Eric Berg, der Polizist ist. Zumal die Diagnose nach einer stundenlangen Notoperation für Luca mehr als niederschmetternd war. „Zunächst hieß es, er würde nur noch seinen Kopf hin- und herbewegen können – mehr nicht“, sagt Eric. Als Luca wieder ansprechbar war, rief er deshalb eine Spendenaktion ins Leben. Denn auch wenn sein kleiner Bruder nie wieder laufen kann und ihm anfangs kaum Hoffnung gemacht wurde, seine Hände je wieder richtig benutzen zu können, so möchte ihm Eric zumindest künftig jeden Wunsch erfüllen.

Die Erinnerungen an den Unfalltag sind komplett weg

An den Tag, an dem Lucas bisheriges Leben auf tragische Weise zerstört wurde, kann er sich selbst nicht mehr erinnern. Es war ein Mittwoch, der 15. Juni. Weder weiß er, wie er morgens aufgestanden ist und was in der Schule passierte, noch hat er eine Erinnerung daran, wie es auf dem Heimweg zu dem schweren Unfall bei Münchehofe kam. Da das Unglück nach wie vor Gegenstand von Ermittlungen ist, nur so viel: Motorrad und Traktor stießen zusammen. Der Traktorfahrer blieb weitestgehend unverletzt und konnte die Notrettung verständigen. Es soll über eine halbe Stunde gedauert haben, bis der Notarzt eintraf, um Luca zu versorgen. Mit einem Hubschrauber wurde er in das nächstgelegene Krankenhaus nach Bad Saarow geflogen, später kam er in das Unfall-Krankenhaus nach Berlin.
„Der Tag ist komplett weg“, bestätigt Luca mit leiser Stimme. Auch die kommenden Wochen bekam er nicht viel mit. Nach dem künstlichen Koma war er meist nur wenige Stunden am Tag wach und hatte mitunter starke Schmerzen. Als er schließlich erfuhr, was mit ihm geschehen war und welche Heilungschancen ihm eingeräumt wurden, kam ihm zunächst ein schrecklicher Gedanke: „Ich dachte, es wäre besser gewesen, wenn ich nicht mehr aufgewacht wäre“, gibt er unumwunden zu.
Lucas Familie weicht ihm bis heute nicht von der Seite. Seine Eltern haben sich die Zeit aufgeteilt. In der ersten Tageshälfte ist seine Mutter im Krankenhaus, abends kommt sein Vater. Zudem sind seine beiden Brüder, sein bester Freund und auch seine Freundin so oft es geht bei ihm. „Eine seiner ersten Fragen war, ob Lili da ist“, sagt sein großer Bruder mit einem Grinsen. Denn die 16-Jährige war erst seit zwei Monaten seine Freundin, bevor der Unfall sich ereignete. „Natürlich habe ich ihn nicht im Stich gelassen“, sagt Lili, die auch an diesem Wochenende wieder im Müncheberger Ortsteil Obersdorf ist, wo die Familie zu Hause ist.

Zwei Wochen nach dem Unglück sollte es auf Motorradtour gehen

Seit es sein Gesundheitszustand zulässt, verbringt Luca die Wochenenden im Kreis seiner Liebsten. „Wenn keine Therapien im Krankenhaus sind und niemand zu Besuch da ist, ist es dort auch echt langweilig“, sagt er. Schließlich war der Abiturient nie jemand, der sich gern in Bücher vergrub oder Filme und Fernsehen geschaut hat. Seit seinem 15. Lebensjahr hat er einen Mopedführerschein. Die Leidenschaft für Motorräder teilte er mit dem Vater und Bruder Eric, die mit einem weiteren Freund zwei Wochen nach seinem Unfall eigentlich eine Motorradtour durch Österreich geplant hatten. Eric hat noch immer ein mulmiges Gefühl, überhaupt auf seine Maschine zu steigen. „Ich habe Luca gefragt, ob es für ihn okay ist, wenn ich fahre“, sagt er. Doch obwohl dieser ihm grünes Licht gegeben hat, nutzte er sein Motorrad seit dem Unglück nur zweimal.
Luca muss noch mit dem Krankentransport und aufgrund der fehlenden Stabilität im Oberkörper liegend an den Wochenenden nach Hause gefahren werden. Kurzerhand hat die Familie das Arbeitszimmer im Erdgeschoss zu seinem Zimmer umfunktioniert und ein Pflegebett hineingestellt. Als er die erste Nacht zu Hause schlief, seien beide Familienhunde, Anna und Line, zu ihm ins Bett gesprungen. „Und am ersten Adventswochenende konnte Luca sogar ein Plätzchen zum Mund führen“, berichtet seine Familie. Es sind die kleinen Fortschritte, auf die es jetzt ankommt, sind sie sich einig.

Er wünscht sich einen Assistenzhund an die Seite

Lucas Lebensmut sei wieder geweckt, so sein Bruder Eric. Und auch Luca sagt, er habe wieder Hoffnung. Er könnte sich vorstellen, einen gut ausgebildeten Assistenzhund künftig an seiner Seite zu haben. Auch dafür seien die Geldspenden gedacht. Doch zunächst muss er so stabil sein, dass er das Krankenhaus überhaupt dauerhaft verlassen kann. Wann das der Fall sein wird, kann noch niemand sagen, ein Pflegefall wird er auch dann noch sein. „Ich bin allen dankbar, die für mich gespendet haben“, ist es ihm wichtig, zu erwähnen.
Wer ebenfalls für Luca Alscher spenden möchte, findet den Aufruf auf Go-fund-me. Darüber hinaus kann man sich telefonisch unter 0162 4649437 bei Eric Berg melden.