Und nach dem traditionellen Sechstagerennen der Radsportler in Bremen geht es auch gleich weiter zum Sechstagerennen nach Berlin. Arne Mill fährt allerdings nicht selbst, sondern gehört zu denen, die uns einzigartige Bilder von diesen Rennen liefern. Der 48-Jährige ist Sportfotograf und hat sich auf den Radsport konzentriert. Ein Luxus für Berufsfotografen, der in der Medienlandschaft heute seltener geworden ist. Aber Arne Mill gehört zu den Anerkannten und Gefragten der Branche.
Er hat schon fast die ganze Welt gesehen. "Das stimmt nicht ganz, denn in erster Linie bin ich in Europa unterwegs." Dabei spricht er von Spanien, Belgien, den Niederlanden, Frankreich, England, Schottland und immer wieder Italien. Fotos von Arne Mill gehören mittlerweile zu den Begehrtesten in der Radsportszene. "Es ist ein hartes Geschäft und ganz ehrlich, manchmal frage ich mich selbst, warum machst du das?" Dabei erinnert er sich an Radrennen, die bei einer Eiseskälte ausgetragen wurden, es in Strömen geregnet hat, bei denen er sich im Tross der Fotografen einen Platz hart erkämpfen musste, aber auch an Rennen, die bei großer Hitze ausgetragen wurden. "Na ja, aber wenn man dann wieder mitten drin ist ..." Er denkt zugleich an Situationen, in denen er bei Stürzen von Fahrern selbst ganz schnell in Gefahr kam, aber bisher immer Glück hatte.
Und er kennt viele von den ganz Großen des Sports - und sie ihn auch. "Das ist auch eine Vertrauenssache. Wer kann schon von sich sagen, dass er besondere Bilder von so introvertierten Typen wie zum Beispiel Mark Cavendish bekommt."
Natürlich hat er auch mit den Stars der Szene wie zum Beispiel Peter Sagan zu tun. "Er ist ein absoluter Profi in allen Belangen!" Doch gerade beim Namen Sagan hat Mill auch eine eigene Geschichte parat. "Es war im Frühjahr, praktisch zu Saisonbeginn. Sagan und das Team Bora präsentierten bei einem noch inoffiziellen Termin ein neues High-Tech-Fahrrad. Super schick und super teuer. Ich durfte es fotografieren. Und beim Aufbau für das Fotomotiv wird das edle Stück doch umfallen - genau vor den Augen des Teams und der Chefs. Ich dachte, das war's, aus, vorbei, nie wieder lassen sie dich so nah heran. Natürlich musste ich mir etwas anhören, aber unter dem Strich machte sich das Team auf meine Kosten lustig. Sagan ist wirklich ein netter Typ."
"Ich glaube, am besten kann man Sport fotografieren, wenn man auch selbst Erfahrungen gemacht hat", sagt er und erklärt, dass er ein großer Fan des Triathlons ist. Und dann stellt sich heraus, dass Mill durchaus auf dem Sprung war, selbst Spitzensportler zu werden. "Meine Leidenschaft ist die Leichtathletik, was auch daran liegt, dass ich tolle Sportlehrer hatte." Und so hätte es durchaus sein können, dass Arne Mill auf der 800-Meter-Strecke oder im Zehnkampf Erfolge hätte feiern können. Und die kamen tatsächlich, denn im 20-Kilometer-Cross wurde er zweimal Fünfter bei DDR-Meisterschaften. Zahlreiche Titel, Medaillen und Urkunden gab es für ihn. Er entschied sich aber doch nicht, voll in den Sport einzusteigen.
Aus dem eigentlichen Berufswunsch, Orgelbauer zu werden, wurde schließlich eine Ausbildung zum Bootsbauer. Sein Gesellenstück, das Boot für den Ruder-Doppelvierer, verhalf der DDR-Frauen-Mannschaft zur Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul. Mill studierte an der Fachhochschule in Wildau und wurde schließlich Diplom-Ingenieur für Maschinenbau. Er entwickelte zum Beispiel auch den sogenannten Ausleger aus Kohlefaser für den so erfolgreichen Deutschland-Ruderachter der Männer. Er arbeitete später am Fraunhofer-Institut.
Schlagzeilen machte der Neuenhagener, als er gemeinsam mit seinem Bruder Jan sowie den Freunden Raimar Gohlke und Marco Bertram auf die Idee kam, mit selbst entwickelten Booten die Reise nach Sydney zu den Olympischen Spielen anzutreten zu wollen. Geboren wurde das Projekt aus der gescheiterten Berlin-Bewerbung: "Kommt Olympia nicht zu uns, dann machen wir uns eben auf den Weg zu Olympia", sagten sich die jungen Männer. Das Vorhaben scheiterte an der Zeit und den Herbststürmen über der Nordsee. Sie erlitten Schiffbruch und nur mit Glück passierte nicht mehr.
Doch Mill ist eben auch ein Abenteurer und so ging er mit Freunden gleich ein weiteres Projekt an. Es ging auf eine spektakuläre Reise mit dem Rennrad nach Marseille. Die Liebe zum Radsport war voll entbrannt und Mill nahm selbst an Rennen teil. Er legte eine Trainerlizenz ab und war für die Radsportgemeinschaft Sprinter Fredersdorf erfolgreich. "Die Idee, als Fotograf zu arbeiten, kam, als ich anfing, zunächst kleine Videos für Repräsentationszwecke zu drehen. Zudem hatte ich meinem Vater früher des Öfteren über die Schulter geschaut. Er hatte selbst viel fotografiert."
"Natürlich ist die Tour, also die Tour de France, ein Höhepunkt. Für uns Fotografen wird das Arbeiten bei einer solchen Mammutveranstaltung allerdings immer mehr zur Herausforderung", erzählt er und sagt, dass er zum Beispiel viele lieber beim Giro d'Italia mit dabei ist. Grundsätzlich gilt aus seiner Sicht: "In anderen Ländern haben der Sport und auch das Sportereignis an sich, einen ganz anderen Stellenwert." So erzählt Mill zum Beispiel, dass der Start der Tour in Düsseldorf 2017 nach außen hin sicherlich sehr schön war. Aber das Arbeiten selbst war eine Katastrophe. "In Frankreich zum Beispiel ist alles viel lockerer und auch leichter. Und in den traditionellen Radsportländern sowieso. Wenn man dann sieht, was auch bei kleineren Rennen in England oder Schottland los ist ... Dazu im Gegensatz werden bei uns immer mehr Rennen gestrichen!"
Arne Mill hat inzwischen noch als exotisch anmutende Radsportländer wie Burkina Faso oder Eritrea auf seiner Wunschliste. "Ich weiß, dass sich dort richtig etwas entwickelt."
Apropos entwickeln. Arne Mill ist nebenbei damit beschäftigt, ein Radsport-Frauenteam aufzubauen. Den Namen Wheel Divas sollte man sich unbedingt merken. Im neuen Jahr soll dieses Team, es trägt den Untertitel  "Das Schönste Am Norden", richtig Schlagzeilen machen.Doch in erster Linie freuen wir uns auch 2018 auf Szenen aus dem Radsport, die man so im Fernsehen oder den schnelllebigen Medien kaum sehen kann. Fotos haben eben auch einen besonderen und vor allem bleibenden Wert.
Wer sich einen Eindruck davon verschaffen möchte, der sollte sich Bildgalerien auf der Internetseite www. frontalvision.com ansehen.