Mit der Geschichte dieses englischen Waisenjungen, die Charles Dickens in seinem gleichnamigen Roman (Erstausgabe 1838) für die Weltliteratur festhielt, ist am Sonnabend die PELLE Company in der Schlosskirche Altlandsberg zu Gast gewesen. Elf Kinder und Jugendliche vom Berliner Rand spielten, sangen, tanzten und lasen im diesjährigen PELLE-Musicalprojekt, als ob sie einen dicht besetzten Theatersaal vor sich gehabt hätten.
Neue Facette im Spektrum
Schade nur, dass die Reihen am Sonnabend so spärlich besetzt waren. Vielleicht, weil das seit Jahren im Rüdersdorf-Schöneicher Raum angesiedelte Musical-Theater-Dauerprojekt in der Stadt noch wenig bekannt und die Zahl kultureller Veranstaltungen im Schlossgut außerdem beträchtlich gestiegen ist. Es zeigt indes eine Facette im Gesamtspektrum des Schlossgutes, die gerade für Familien geeignet ist.
Nach den jährlich wechselnden Kinder- und Jugendmusicals der PELLE Company aus vergangenen Jahren – inzwischen sind es sieben – sei "Oliver Twist" das erste eigenständige Projekt der 2017 installierten Company-Schule, sagte Regisseur und Drehbuchautor Stephan Wapenhans.
Wie die Kidis und Jugendlichen in der Probenphase miteinander gearbeitet hätten, das sei bemerkenswert gewesen, lässt er vorab durchblicken und sagt es am Ende laut vor dem ganzen Publikum: Er habe selten mit einem so tollen Team gearbeitet!
Dabei war es nicht leicht, aus der umfangreichen Buchvorlage, die ein so realistisches wie sozialkritisches Gesellschaftsbild aus dem England des frühen 19. Jahrhundert mit Riesen-Standesunterschieden, bitterster Armut, Gewalt, Neid, Ausgrenzung, aber auch Menschlichkeit und Güte zeichnet – heute nicht weniger aktuell –, eine Jugendmusical-Fassung zu erschaffen.
Erzähler sind die Zeitraffer
Immer wieder habe er den Stoff komprimiert, sagt Wapenhans. Schließlich musste ein großes Stück Leben, von der Geburt Olivers bis ins Teenager-Alter, vom Waisenhauskind über den Dieb bis zum vorläufig-glücklichen Ende in einer empathischen Familie, erfasst werden.
Die beiden Erzähler Lina Taubert und Jana Franzke fungieren dabei quasi als Zeitraffer. Schauspiel- und Tanzszenen, solistischer Gesang von Nele Oswald (Oliver), Nina Süplitz (Freundin Nancy) oder Charlene Dzikowski (Bandenchef Fagin) und mitreißende Chor-Parts wechseln einander ab und ergeben ein buntes stimmiges Bild.  An dem hat jeder Darsteller – groß oder klein wie der fünfjährige Louis Ludwig, aus Rüdersdorf, Berlin, Schöneiche oder Syrien stammend wie Jinda Rasheed – seinen Anteil.
Musikalische Anleihen nahm Wapenhans u. a. aus dem Musical Les Miserables oder Nabucco. Wobei er die Liedtexte deutsch nachgedichtet habe, "obwohl die Kidis lieber englisch singen wollten". Doch sie sollten verstehen, was sie singen, das auch verkörpern und sich damit im Stück identifizieren.
Wenn auch die Verständlichkeit teils unter der schwierigen Akustik der Schlosskirche litt, die Leidenschaft des Ensembles glich das aus. Nach großem Applaus musste es eine Zugabe geben.

Die PELLE Company


Gegründet wurde sie vom Musicaldarsteller, Sänger, Schauspieler und Regisseur Stephan Wapenhans 2012 in Rüdersdorf. Die Idee zu dem auf Dauer angelegten Projekt integrativer Begegnung und gemeinsamer Arbeit stammt aus Österreich, wo Wapenhans über Jahre engagiert war. Angesprochen sind Kinder und Jugendliche aus der Region, ebenso willkommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund. Neben dem jährlichen Musicalcamp gibt es eine Pelle-Band "Die Eroberer" und eine 2017 installierte Schule. Geprobt wird zweimal im Monat am Sonnabend. Die Company agiert unter dem Dach des Theatervereins Rüdersdorf-Schöneiche. rj