Rund ein Jahr ist es her, seit die Henschels nach Wilkendorf gezogen sind. Dass man da nach und nach die Umgebung erkunden will, ist verständlich, und eine besonders schöne Gelegenheit für die junge Familie bot sich nun auch beim 6. Oberbarnimer Feldsteintag.
Die Neubürger aus dem nahe gelegenen Altlandsberger Ortsteil gehörten zu den ersten Besuchern, die sich auf dem Findlingshof von Kurt Zirwes in Ruhlsdorf einfanden. Das Dorf gehört zwar kommunalpolitisch zur Stadt Strausberg, aber ebenso landschaftlich zum Naturpark Märkische Schweiz. Kaum irgendwo sonst ist die Dichte an alten bäuerlichen Feldsteinbauten so dicht wie dort, und wohl keiner weiß mehr zum Thema Findlinge zu erzählen als der Gastgeber, der diesen steinernen Schätzen als Hinterlassenschaft der Eiszeit schon seit Jahrzehnten verbunden ist.

Mächtiger Eispanzer über der Landschaft

300 Meter mächtig war damals der Eispanzer, der auch Mitteleuropa bedeckte und jede Menge Gestein aus Skandinavien mitführte. Teilweise dicke Brocken, die nach dem Abtauen zurückblieben, bis heute immer wieder auch von den Bauern der Umgebung bei der Feldarbeit zutage gefördert werden. So manches Stück landet dann neu auf dem Grundstück von Kurz Zirwes, der mit leuchtenden Augen, Sachverstand und beinahe missionarischem Eifer erzählt. Über die Herkunft, die Bedeutung, historische Parallelen, Nutzung. Über harte Fakten, Geschichten und Anekdorten. Wobei der Hinweis, dass es in Island sogar eine Ministeriumsstelle für Elfen und Trolle gibt, jeder Überprüfung standhält. Zirwes ist ein unermüdlich sprudelnder Quell an Informationen.

Variationsvielfalt bei der Steinbalance

Doch auch Ausprobieren lässt sich ja auf dem Findlingshof so einiges. So kann sicher jeder gern reihum auf und in die verschiedensten steinernen Sitzmöbel fallen lassen. Kann sich im Steinespalten versuchen oder bei der Steinbalance mit nur vier mal runderen, mal kantigeren Exemplaren immer neue Variationen austesten. Auch Ida, die kleine Tochter der Henschels, hat da ihren Spaß. In der Zwischenzeit sind noch mehr Gäste eingetroffen. So die Bauers, ein rüstiges Seniorenpaar aus Petershagen, das mit dem Fahrrad unterwegs ist, von den Angeboten des Tages in der MOZ gelesen hat und später noch nach Ihlow weiter will.

Besucherstärkster Tag der Saison auf dem Zachariashof

Dort haben Udo Hagedorn mit seiner Kunsthalle und Frank Witte mit seinem Antiqariat in der Scheune geöffnet. Sowie natürlich Marita und Uwe Steinkamp mit ihrem Zachariashof. Eine eingeschränkte Saison war es diesmal durch Corona, doch das ist nun „der bisher besucherstärkste Tag“, wie die Gastgeber betonen. Über 70 Gäste schon bis 15 Uhr, und die nächsten stehen schon vor der Tür. Halt gemacht haben auf ihrer Radtour, gestartet am Bahnhof Strausberg-Nord, auch Michael und Regina Hoffmann aus Berlin. Sie ist Landschaftsplanerin, genau wie der Hausherr, was den Austausch noch ein wenig mehr anregt. Viele derer, die vorbeischauen, sind Radwanderer, und auch zum Bauen mit Feldstein interessiert sich so mancher noch näher. Nur erlebnisreiche Zusatzaktionen wie Feldstein-Weitwurf und Gewichtschätzen gibt es dieses Jahr nicht.
Über regen Zulauf von etwa 20 Teilnehmenden konnte sich auch Manfred Ahrens freuen. Der stammt zwar ursprünglich aus Mecklenburg, kennt sich als Heimatforscher aber zu seinem Wohnort Ernsthof so gut aus wie kein anderer. Das zeigt sich auch auf der Wanderung durch die Geschichte des Dorfes, das zwar als Vorwerk mit acht Häusern einen älteren Kern von 1833 hat, aber so richtig erst 1934/35 entstand – damals als neue Siedlung zur Förderung des „arischen Bauerntums“, auch der Kreisbauernführer Lutze war mit im Ort ansässig. Die Häuser, noch immer an Beispielen deutlich erkennbar, waren genauso genormt wie heute die so mancher modernen Wohnparks.

Ernsthof war 1934/35 Neusiedlung der frühen NS-Zeit

Aus der erweiterten Umgebung, aber auch von weit her kamen die Familien, die hier ein neues Zuhause fanden, in einem Fall sogar aus der Ukraine, weiß Ahrens zu berichten. Er hat die komplette Liste der damaligen Neusiedler, samt Herkunftsorten und Hofgröße. Und kann auch erklären, dass die Grundlage das schon 1919 verabschiedete Reichshilfegesetz bildete, welches Adlige zwang, bis zu 30 Prozent ihrer Landgüter zur Aufsiedlung abzugeben. Eine zweite gesetzliche Säule war dann in der beginnenden NS-Zeit der Reichsnährstand, mit dem die Versorgungssicherheit durch Ausbau der landwirtschaftlichen Produktion gewährleistet werden sollte. Allein die Zahl der Schafe in Deutschland stieg binnen zehn Jahren von 3,4 auf 6,8 Millionen Stück. „Heute haben wir gerade noch anderthalb Millionen“, fügt Ahrens hinzu.

Auf uralten Wegen und durch die Weltkriegsgeschichte

Er hatte auch zur Via Vetus einiges zu erzählen, jenem schon 1247 in einer Urkunde zweier Brandenburger Markgrafen erstmals erwähnten mittelalterlichen Weg. Und zur Weltkriegsgeschichte in Grunow/Ernsthof, wo es am 19. April 1945 ein Gefecht gab und ein alter Panzergraben noch immer in der Landschaft erkennbar ist. Die Dorfbevölkerung zog vor 75 Jahren auf dem Flucht im Treck übrigens bis in zwei mecklenburgische Orte – nur vier bzw. 26 Kilometer von Ahrens’ einstigem Heimatdorf Zernin entfernt. „Sehr interessant war das, wir haben sehr viel Neues gelernt“, sagen am Ende der Tour sowie Kaffee und Kuchen im Siedlerheim zur Stärkung nicht nur Volkmar und Heidlinde Kautz aus Rehfelde, die mit dem dortigen Heimatverein verbunden sind.