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Der Eberswalder Christian Küster bewahrt mehrere Frauen vor dem Ertrinken im Oder-Havel-Kanal

Lebensretter geht an seine Grenzen

An der Badestelle: Dort haben Christian Küster und Nachbarin Cindy Klockow am Mittwoch das nervenaufreibende Geschehen vom Vortag rekapituliert.
An der Badestelle: Dort haben Christian Küster und Nachbarin Cindy Klockow am Mittwoch das nervenaufreibende Geschehen vom Vortag rekapituliert. © Foto: MOZ/Marco Marschall
Marco Marschall / 27.07.2016, 20:25 Uhr - Aktualisiert 27.07.2016, 20:26
Eberswalde (MOZ) Wäre Christian Küster am Dienstag nicht am Oder-Havel-Kanal gewesen, wären sechs junge Frauen jetzt wahrscheinlich tot. Angeblich handelt es sich um afghanische Flüchtlinge, die mit Bekleidung im Gewässer baden wollten - bis die Nichtschwimmer den Halt verloren.

Es ist kein normaler Badeausflug für Christian Küster. Sonst nimmt er seine Kinder mit an die beliebte abgelegene Einstiegsstelle in Nordend, ein Zweig des Oder-Havel-Kanals. Im Nachhinein ist der 35-jährige Eberswalder froh, dass sie die Aufregung dieses Dienstagnachmittags nicht mitmachen mussten - der Tag, an dem ihr Vater sein eigenes Leben aufs Spiel setzte. Küsters Nachbarin Cindy Klockow war dabei. Noch am Mittwoch sitzt der Schock bei der 28-Jährigen tief. Sie bricht kurz in Tränen aus, als sie an Ort und Stelle hilft, das Geschehene zu rekapitulieren. "Es hätte auf jeden Fall Tote gegeben", da sind sich beide sicher.

Die Badestelle ist am Tag des Unglücks gut besucht. Eine 20-köpfige Gruppe aus Frauen und Kindern, wahrscheinlich aus einer Flüchtlingsunterkunft, ist an den kleinen Strand am Kanal gekommen. Eine verheerende Entscheidung. Christian Küster ist wachsam, ahnt nichts Gutes, als eine Gruppe junger Frauen in voller Bekleidung ins Wasser geht. Cindy Klockow schätzt sie auf zwischen 13 und 15 Jahre. Es ist früher Nachmittag, als sie beinahe ertrinken.

"Sie müssen den Boden unter den Füßen verloren haben", glaubt der junge Mann, der in Eberswalde als Bestatter arbeitet und an diesem Tag sogar Bereitschaftsdienst hat. Wie in einem Strudel zieht es sie unter Wasser. Plötzlich geraten alle in Panik. Die Frauen am Ufer, die offenbar auch nicht schwimmen können, sind in Aufregung, stoßen eine weitere Frau hinein, damit diese den anderen hilft. Auch sie muss daraufhin gerettet werden. "Sie haben alle dagestanden und gebrüllt wie am Spieß", beschreibt Cindy Klockow.

Christian Küster, früher aktiv bei der Freiwilligen Feuerwehr, erkennt die Notsituation und rennt ins Wasser. Vielleicht fünf Minuten dauert die Rettungsaktion. Auf zweieinhalb Meter Tiefe schätzt er die Stelle. Die Ertrinkenden fuchteln wild herum, ziehen sich gegenseitig runter und sind nicht einfach zu packen. Der Retter taucht unter, stößt sich vom Grund ab, um eine der Frauen kurzzeitig über Wasser zu drücken, damit diese nach Luft schnappen kann.

Wie viele Frauen es waren, die er eine nach der anderen aus dem Wasser holt, weiß er am Ende gar nicht mehr. "Sechs", meint Cindy Klockow. Bei der letzten überlegt der stämmige Mann, ob er überhaupt nochmal in den Kanal geht. Er ist völlig fertig, beschreibt die Frauen als nicht gerade zierlich. Schließlich nimmt er die letzten Kraftreserven zusammen. "Das war auch von mir leichtsinnig", sagt er. Eine der Frauen röchelt, als er sie an Land bringt. Christian Küster drückt ihren Brustkorb zusammen. Sie spuckt Wasser.

Gegen 16Uhr trifft der Rettungsdienst mit mehreren Fahrzeugen an der Badestelle ein. Glücklicherweise muss niemand reanimiert werden. Die Barnimer Rettungsstelle bestätigt der Zeitung den Einsatz vom Nachmittag. Fünf Frauen wurden ins Krankenhaus gebracht, heißt es. Ihr Retter erkundigt sich am Dienstagabend bei der MOZ-Lokalredaktion. Er will in Erfahrung bringen, wie es den Frauen geht. Von Mitgliedern der Flüchtlingsgruppe weiß er nur, dass diese aus Afghanistan stammen und angeblich in Oderberg untergebracht sind.

Der Zustand der Frauen bleibt allerdings offen. Das Eberswalder Krankenhaus darf aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht keine Auskünfte geben, bedauert Sprecher Andreas Gericke. Laut Evangelischem Jugend- und Fürsorgewerk, Träger der Flüchtlingsarbeit in Oderberg, sei es von den dort untergebrachten Personen niemand gewesen. Der Eberswalder Notunterkunft und dem Landkreis war am Mittwoch ebenfalls noch nichts bekannt.

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Pernilla Lindström 02.08.2016 - 08:59:04

Toller Lebensretter!

Ich bin beeindruckt von dem Mann der die Flüchtlingsfrauen aus dem Oder-Havel-Kanal gerettet hat, das verdient sehr viel mehr Aufmerksamkeit!! Gerade in Zeiten wo die Menschlichkeit oft zurückbleibt, ist das ein warmer Regen ins Herz, und eine Wahnsinns-Heldentat sowieso. Schon einen Menschen zu retten ist schwer, aber sechs auf einen Streich - - - da bleibt einem der Schnabel offen stehen.....Danke!

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