Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Ehrenamtler und Caritas vermitteln Theorie und Praxis in der JVA / Projekt dient der Resozialisierung

Häftlinge büffeln für Angelschein

Haben den Angelschein für Häftlinge ins Leben gerufen: Frank Heinz und Solveig Kauczynski übermitteln den Häftlingen der Justizvollzugsanstalt Wriezen jeden Mittwoch theoretisches und praktisches Wissen zum Angelschein.
Haben den Angelschein für Häftlinge ins Leben gerufen: Frank Heinz und Solveig Kauczynski übermitteln den Häftlingen der Justizvollzugsanstalt Wriezen jeden Mittwoch theoretisches und praktisches Wissen zum Angelschein. © Foto: MOZ/Katrin Hartmann
Katrin Hartmann / 14.09.2016, 06:56 Uhr
Wriezen (MOZ) Es ist ein Pilotprojekt in Brandenburg. Jugendliche Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Wriezen können durch die Unterstützung ehrenamtlicher Helfer einen Angelschein erwerben. Das Projekt ist im Juni gestartet und soll im November abgeschlossen werden. Ob es 2017 einen zweiten Durchgang geben wird, steht noch aus.

Es ist ein etwas anderes Projekt. Um nicht zu sagen, das erste Projekt dieser Art im Land Brandenburg, sagen Solveig Kauczynski vom Caritasverband und Ehrenamtler Frank Heinz. Gemeinsam werfen sie mit Häftlingen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wriezen jeden Mittwoch die Angeln aus.

Mit theoretischen und praktischen Übungen setzen sich die Ehrenamtler dafür ein, dass die jugendlichen Häftlinge ihren Angelschein erwerben können. Für die Zeit nach ihrer Haft. "Das Projekt dient der Resozialisierung", sagt Frank Heinz, der selbst gern die Angel schwingt. "Wenn sie einen Angelschein haben, können die Jugendlichen draußen ein sinnvolles, legales Hobby betreiben oder sogar in einen Angelverein einsteigen", sagt der Ehrenamtler.

Dabei ist der Erwerb des Angelscheins eine nicht ganz einfache Angelegenheit, erklärt der Angler. Im Gegenteil bedeutet es viel Paukerei und Kraft. Eine Herausforderung, die die Häftlinge entgegen aller Vorstellungen und Vorurteile bislang gut angenommen haben, erzählen Solveig Kauczynski und Frank Heinz. "Wir waren ganz überrascht, wie fleißig sie gelernt haben", sagt Solveig Kauczynski. Immerhin sind es 1054 Fragen, die sie theoretisch beantworten können müssten. Bei der Prüfung werden aus diesem Fragenkatalog nämlich 60 Fragen in einer Stunde geprüft - das heißt eine Frage pro Minute. "Das ist eine nicht ganz einfache Prüfung", sagt die Caritas-Mitarbeiterin aus langjähriger Erfahrung. Denn sie weiß gleichwohl, dass viele Häftlinge bei einigen Projekten schnell ihre Köpfe in den Sand stecken.

Nicht so beim Angelschein. "Wir freuen uns wirklich über die Geduld und Ausdauer, die die Jugendlichen dabei zeigen", sagt Solveig Kauczynski und Frank Heinz fügt hinzu: "Draußen ist nicht jeder solange dabei", freut er sich über die wöchentlichen Stunden, in denen er den Häftlingen etwas beibringen kann.

Dabei ist die Realisierung des Projekts nicht so einfach, erklärt der Angler. "Bei den Haftzeiten von sechs bis neun Monaten müssen wir uns schon sputen, die Jugendlichen auch durch den theoretischen und praktischen Teil zubringen." Draußen würde der Kurs zum Erwerb eines Angelscheins etwa 40 Stunden dauern. In der JVA stehen den Häftlingen pro Woche zweieinhalb Stunden zur Verfügung, die sie, wie Frank Heinz betont, auch von ihrer Freizeit opfern.

Schwierig war zudem der Entstehungsprozess von der Idee bis zur Realisierung. Machbarkeit, Durchführung, Personal, Koordination, Organisation, Sicherheitsbedingungen - alles Dinge, die selbstverständlich im Vorfeld geprüft werden mussten, sagt Frank Heinz. "Als die Idee aufkam, dachten wir zuerst: Das wird nie funktionieren", erinnert sich Solveig Kauczynski. Aber die Justizvollzugsbeamten ermunterten die beiden, dran zu bleiben. Und tatsächlich sollte sich der eineinhalbjährige Einsatz bis zum Start in diesem Juni lohnen.

Seitdem treffen Frank Heinz und Solveig Kauczynski jeden Mittwoch auf die jungen Männer, die dann schon ganz energisch warten. "Mit so einem Interesse hätten wir nicht gerechnet", sagt Solveig Kauczynski. Das Projekt wurde, wie viele andere auch, in der JVA ausgehangen. Interessierte Häftlinge konnten sich melden. Schon der Zulauf nach den Aushängen sei ungewöhnlich gewesen. Mittlerweile habe sich das Projekt herumgesprochen und die beiden haben mehr Anfragen bekommen.

Mehr als acht Häftlinge kann und möchte Frank Heinz allerdings nicht betreuen. "Jeder muss wissen, was er darf und was er nicht darf und wir müssen das Ganze auch noch gut betreuen können", so Heinz.

Finanziert wird das Projekt vom Brandenburgischen Justizministerium. Weitere Unterstützung erhält die Caritas vom Landesanglerverband Brandenburg. Die Prüfung für den Angelschein muss von zwei Prüfern abgenommen werden. Neben Frank Heinz ist zu dem Datum ein weiterer Vertreter des Anglerverbandes vor Ort.

All das macht Frank Heinz in seiner Freizeit. "Ich wollte mich irgendwie engagieren. Da ich schon mehrmals bei anderen Projekten in der JVA war, lag die Idee nicht weit, etwas mit den Häftlingen zu machen", erzählt der 57-Jährige. Derzeit betreut Frank Heinz drei Häftlinge für den Angelschein. Zwei haben in der vergangenen Woche ihre Prüfung bestanden und waren ganz stolz, berichtet der Ehrenamtler. "Der Ehrgeiz ist auf jeden Fall vorhanden. Wenn alles gut geht, werden alle Teilnehmer bis November durch sein", sagt Frank Heinz.

Ob es im kommenden Jahr eine zweite Version des Projekts geben wird, ist noch nicht entschieden. Für die Integration der jungen Männer wäre es wünschenswert.

Wer sich als Ehrenamtler im Projekt "Ehrenamt im Strafvollzug", entweder beim Angelschein oder anderweitig engagieren möchte, kann sich bei Solveig Kauczynski unter Telefon 03364 43740 oder per E-Mail unter s.kauczynski@caritas-brandenburg.de melden.

Schlagwörter

Angelschein Solveig Kauczynski Häftling Frank Heinz Pilotprojekt

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG