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Experiment Auerhuhn geglückt

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Ulrich Thiessen / 09.09.2016, 08:00 Uhr
Potsdam (MOZ) 15 Jahre liefen die Vorbereitungen, vier Jahre das Pilotprojekt. Nun hoffen Förster, Naturschützer und Jäger in Elbe-Elster, dass das größte Wiederansiedlungsprojekt des Landes auch offiziell gestartet werden kann: Das Auerhuhn soll in der Lausitz wieder heimisch werden.

"Die Zeit arbeitet für das Auerhuhn", sagt Lars Thielemann, Leiter des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft und Chef der Arbeitsgruppe Auerhuhn. Die großen Hindernisse, die am Ende des vergangenen Jahrhunderts zum Aussterben des großen Hühnervogels in der Region führten, gibt es so nicht mehr. Die Tagebaue werden renaturiert und die militärische Nutzung der Wälder wurde aufgegeben.

Aber vor allem werden aus eng bepflanzten Stangenwäldern allmählich wieder lichte Kiefernhaine, in denen der Vogel ausreichend Blaubeeren und Preiselbeeren findet. "Eigentlich müsste das Auerhuhn Blaubeerhuhn heißen", sagt Thielemann und kommt ins Schwärmen, wie perfekt sich der große Vogel im Blaubeerkraut dem Auge des Menschen entziehen kann.

15 Jahre lang hat die Arbeitsgemeinschaft die Naturräume in der Lausitz rund um Finsterwalde untersucht. 200 Quadratkilometer erfüllten letztlich alle Kriterien, die die Weltnaturschutzunion IUCN an solche Projekte stellt. 2011 startete das Pilotprojekt. Die Lausitzer setzten dabei bewusst auf Wildtiere, die in Schweden gefangen wurden und nicht auf das Auswildern von Jungtieren, die aus Zuchtstationen stammen.

Das Einfangen selbst hört sich nach Abenteuer an: Im Frühjahr, wenn in Schweden der Schnee schmilzt, sind Auerhühner an den Straßenrändern anzutreffen, wo das erste Grün sprießt. Aus dem Auto heraus werden sie mit Keschern eingefangen. 2012 und 2013 gelangten so je 30 Tiere nach Brandenburg, wurden mit Sendern versehen und in die Freiheit entlassen. Außerdem wurden rund ein Dutzend Eier, die die Hennen in der kurzen Gefangenschaft legten - in Kooperation mit polnischen Experten, die ähnliche Projekte in der Muskauer Heide jenseits der Neiße betreiben - ausgebrütet und ausgewildert.

Verluste gab es weniger durch Füchse und Habichte, wie zu erwarten war, sondern durch Karambolagen mit Leitungen, Schneezäunen und Autos. Trotzdem war der Versuch ein Erfolg: Die Auerhühner können überleben und pflanzen sich fort, resümiert Lars Thielemann. Die nach Auswertung der Daten errechnete Sterberate liegt in etwa so hoch wie in der skandinavischen Wildbahn.

2015 wurden noch einmal 21 Tiere und dieses Jahr 60 weitere nach Brandenburg gebracht. Die Gäste aus der Lausitz haben inzwischen regelrechte Fertigkeiten im Auerhuhnfangen entwickelt, arbeiten aber stets mit den Experten vor Ort zusammen. Die wissenschaftliche Auswertung hat die schwedischen Behörden so überzeugt, dass sie eine Vereinbarung mit den Lausitzern eingingen, der zufolge bis 2020 jährlich 60 Tiere vom Straßenrand weggefangen werden dürfen.

Thielemann ist der Hinweis wichtig, dass man damit nicht die skandinavischen Bestände gefährdet. Allein in der Region Västerbotten werden jährlich 3000 bis 6000 Auerhühner gejagt und verzehrt. Zur Zeit schätzt er, dass in drei Revieren rund um Finsterwalde je 20 bis 30 Tiere leben. Sieben solcher Gebiete innerhalb der 200 Quadratkilometer sollen in den kommenden Jahren besiedelt werden. Wenn die Population konstant über 100 Tiere beträgt, müsste sich das Auerhuhn von allein stabil weiterentwickeln, so die Prognose.

Noch wartet die Arbeitsgruppe jedoch auf die Genehmigung von insgesamt 1,3 Millionen Euro Fördergeldern bis 2021. Damit sollen das Projektteam, die Sender, die Fahrten nach Schweden und die wissenschaftliche Auswertung finanziert werden.

Für Thielemann ist das Auerhuhn nur das Aushängeschild. Eigentlich geht es darum, das gesamte Waldgebiet zu renaturieren. Davon profitieren auch Kleineulen, Waldschnepfen oder Schwarzstörche. Für die Waldschnepfe lässt sich aber nicht ein so aufwändiges Programm ins Leben rufen. Da brauche man schon einen so imposanten Vogel wie das Auerhuhn, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und Menschen über den kleinen Kreis der Aktivisten hinaus zu begeistern.

Wenn die Sender abfallen oder die Batterien aufgeben, muss der Bestand der Vögel durch Beobachten und das Sammeln von Federn überprüft werden. Die genetische Überprüfung von Federn ergab, dass in den Wäldern der Lausitz neben den jährlich neu ausgesetzten Tieren die Enkelgeneration der ersten Ankömmlinge unterwegs ist. "Das sind schon echte Brandenburger", findet Thielemann.

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Rolf Lustig 09.09.2016 - 14:03:08

Auerhuhn

Experiment Vogelsänger gescheitert.

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