Reiht man alle Problemzonen der Bahn in Berlin und Brandenburg aneinander, an denen Regionalzüge wegen brüchiger Schwellen, fehlender Schranken oder maroder Brücken ihre Geschwindigkeit drosseln müssen, kommt eine Strecke von 423 Kilometern zusammen. Der VBB hat es im Auftrag des Landes Brandenburg ausgerechnet und schlägt nun Alarm: Mehr als neun Prozent des regionalen Schienennetzes sind zum Teil nur im Schneckentempo passierbar. "Dieser Zustand ist noch nicht gut", sagt VBB-Geschäftsführer Hans-Werner Franz am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung der aktuellen Netzanalyse.
Für Reisende bedeuten die insgesamt 515 Geschwindigkeitsreduzierungen wegen baulicher Mängel statistisch betrachtet einen Zeitverlust von zwei Stunden und 40 Minuten - zwölf Minuten weniger als im Jahr zuvor. Besonders auffällig waren 2012 die Strecken zwischen Eberswalde (Barnim) und Frankfurt (Oder) sowie zwischen Berlin-Karow und Groß Schönebeck (Barnim), wo nach VBB-Diagnose Probleme an Bahnübergängen, Brücken und Weichen zu Fahrzeitverlusten führen. Auch die Strecke zwischen Angermünde (Uckermark) und Stettin (Polen) bleibt ein Sorgenkind. "Um diese Verbindung in die polnische Großstadt zu ertüchtigen, sind lediglich 30 Millionen Euro nötig", legt Franz den Finger auf die Wunde. Das könne viel eher als erst 2020 realisiert werden, wenn die Deutsche Bahn sich nicht nur auf Prestigeobjekte konzentrieren, sondern auch das regionale Netz im Auge haben würde.
Franz zweifelte zudem die Notwendigkeit von Dauerbaustellen und Vollsperrungen an. Es könne nicht sein, "dass für umgeleitete Regionalzüge bei Streckensperrungen auch noch höhere Trassenpreise für die längere Strecke verlangt werden". Während der einjährigen Sanierung zwischen Wannsee und Charlottenburg habe der VBB durch die Umleitung über Spandau für 260000 zusätzlich gefahrene Zugkilometer Trassengebühren an die Bahntochter DB Netz abführen müssen - pro Kilometer 4,75 Euro.
Auch Beispiele verzögerter Bauarbeiten wie zwischen Berlin und Cottbus sowie auf der Nordverbindung von Berlin nach Rostock würden die Notwendigkeit von Vollsperrungen in Frage stellen. "Es ist deutlich geworden, dass wir längere Vollsperrungen und mögliche Alternativen in jedem Einzelfall und intensiv im Vorfeld prüfen müssen", betonte Franz. Er forderte die Bahn auf, Steuergeld für den Regionalverkehr nicht als Gewinn zu verbuchen, sondern damit Schienen, Weichen, Signale und Bahnhöfe instandzuhalten. Die einjährige Streckensperrung zwischen Berlin und Potsdam bis Dezember vergangenen Jahres sei vermeidbar gewesen, wenn der Konzern eher Mängel an der Strecke beseitigt hätte.
Berlin und Brandenburg geben jährlich rund 360 Millionen Euro für den Regionalverkehr aus, der laut VBB von mehr als 170000 Fahrgästen täglich genutzt wird. Angesichts der Mängel falle es Franz zufolge schwer, wie angedacht Mitte des Jahres die Preise im Nahverkehr anzuheben. Auch die Landtagsfraktion Bündnis 90/Grüne kritisierte die angekündigte Fahrpreiserhöhung. "Das Regionalbahnnetz muss in seiner Gesamtheit verbessert, es darf nicht länger auf Verschleiß gefahren werden", sagte der verkehrspolitische Sprecher Michael Jungclaus. (Mit Adleraugen)