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Kirche, Konsens und Dumpinglöhne

Stefan Kegel
Stefan Kegel © Foto: MOZ/Dietmar Horn
Stefan Kegel / 20.11.2012, 21:12 Uhr - Aktualisiert 21.11.2012, 15:02
(MOZ) Beschäftigte in Einrichtungen und Unternehmen der Kirchen dürfen nun künftig das tun, was anderen Arbeitnehmern - außer Beamten - auch gestattet ist: streiken. Gegen Lohndumping oder Outsourcing zum Beispiel. Deutschland verliert damit ein Musterbeispiel von Konsens und Mediation in der Tarifauseinandersetzung. Dennoch war diese Entwicklung nicht aufzuhalten.

Die Ursache für das Scheitern des kirchlichen "dritten Weges" liegt in den Reformen der Bundesregierungen Kohl, Schröder und Merkel. Sie haben den Sozialsektor in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten auf Effizienz und Wettbewerb getrimmt und dadurch die Branche auf Lohndrückerniveau gebracht. Um in dem Markt mitzuhalten, haben auch kirchliche Einrichtungen eine massive Welle des Outsourcings hinter sich. Die früher einheitliche Bezahlung, die sich am öffentlichen Dienst orientierte, ist bei den kirchlichen Arbeitgebern einem Gewirr von anderthalb Dutzend regionalen Tarifverträgen gewichen, die auch untereinander ausgehebelt werden können.

Zwar wurden in der Debatte zwischen Kirchen und Gewerkschaften die hehren Grundrechte der Koalitionsfreiheit und der Selbstbestimmung der Glaubensgemeinschaften bemüht. Doch Ver.di-Chef Frank Bsirske macht keinen Hehl daraus, worum es ihm eigentlich geht: Nur wenn sich Diakonie und Caritas auf einen bundesweiten Tarifvertrag mit anderen Sozialverbänden einlassen, werden damit 50 Prozent der Branchenbeschäftigten erreicht - und dann könnte die Regierung ihn für allgemeinverbindlich erklären. Dann säßen die Gewerkschaften wieder am längeren Hebel, den sie in den vergangenen Jahren durch Austritte verloren haben.

Die Kirchen wiederum pochen auf das selbst aufgestellte Prinzip der Dienstgemeinschaft, das Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu einvernehmlichen Tarifverhandlungen ohne Aussperrungen, aber eben auch ohne Streiks verpflichtet. Dieses Modell ist nun tot, es sei denn, es wird vom Bundesverfassungsgericht oder dem Europäischen Gerichtshof wieder zum Leben erweckt. Damit geht auch ein Stück Vorbildwirkung der Kirchen für einen fairen Interessenausgleich verloren. Das Modell scheiterte, weil in der Praxis eben auch Konsenspolitik Dumpinglöhne nicht verhindern konnte.

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abc 21.11.2012 - 13:12:41

Es sind immer die anderen Schuld, stimmt's?

@ Autor Eine verquere Logik, die Sie da vertreten. Die Kirchen "mussten" ja leider unsozial werden und Dumpinglöhne verteilen, weil die Politik es wollte? Was für ein Schwachsinn. Heißt es nicht immer, die Kirche setzt den moralischen Rahmen (Stichwort “Vorbildwirkung”). Muß eine Kirche “auf dem Markt mithalten”? Was hindert denn die Kirchen daran, besser zu zahlen als die anderen Anbieter? Kirchensteuer und andere Ausgleichzahlungen bekommen sie wahrlich genug in Deutschland. Davon mal abgesehen, hier vom glorreichen kirchlichen Weg zu schwärmen, geht am Thema vorbei, denn die meisten sogenannten “kirchlichen” Einrichtungen werden schon heute hauptsächlich von staatlicher Seite bezahlt, und daß in einem Bereich, der angeblich zum Kernbereich der christlichen Kirchen gehört. Belesen Sie sich doch mal bitte zum Thema Dotationen für die christlichen Kirchen in Deutschland. Zudem scheinen Sie selbst nicht zu wissen, was Sie wollen. Als erstes kritisieren Sie den Fakt, daß “die früher einheitliche Bezahlung, die sich am öffentlichen Dienst orientierte” verloren gegangen ist, weiter unten im Text kritisieren sie dann die Gewerkschaft, da sie genau da wieder hin wollen, nämlich zum bundesweiten Tarifvertrag, der eine einheitlichen Bezahlung sichern soll.

Lutz Jensen 21.11.2012 - 09:35:35

eure Scheinheiligkeit k***** mich an!

"Die Ursache für das Scheitern des kirchlichen "dritten Weges" liegt in den Reformen der Bundesregierungen Kohl, Schröder und Merkel." Wie war das mit dem Fingerzeig auf andere? Und da konnte man nicht mit gutem Beispiel voran gehen und zeigen dass es auch anders geht? Ich habe auch keine Stimmen gehört die sich mahnend an Kohl, Schröder und Merkel gewand hatten, oder die Stimmen waren zu leise. Bankenkritik hört man auch kaum von den Kirchen und über das mal vertretene Zinsverbot hält man lieber den Mantel des Schweigens.

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