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Nigeria überholt Südafrika: Nicht einmal der Präsident will feiern

Nigerias Präsident Goodluck Ebele Jonathan
Nigerias Präsident Goodluck Ebele Jonathan © Foto: dpa
dpa / 12.04.2014, 08:32 Uhr
Abuja (dpa) Erstmals hat Nigeria Südafrika als stärkste Wirtschaft Afrikas abgelöst. Aber die statistische Größe der Wirtschaftsleistung sagt wenig über Lage und Perspektive des Landes aus. Südafrika aber fürchtet nun um seinen Platz für Afrika in der G20.

Selbst Nigerias Präsident Goodluck Jonathan sieht keinen Grund zum Jubeln. Zwar hat Nigeria einer Neuberechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zufolge Südafrika klar als stärkste Wirtschaftsmacht Afrikas verdrängt. "Wir werden jetzt nicht die Freudentrommeln auspacken, denn zu viele unserer Bürger leben in Armut", betonte der Staatschef des bevölkerungsreichsten Landes in Afrika aber auf seiner Facebookseite bescheiden.

"Ich kann nicht feiern, solange nicht alle Nigerianer die positiven Auswirkungen unseres Wachstums spüren", sagte Jonathan. Davon aber ist das westafrikanische Land, seit Jahren gebeutelt vom blutigen Terror der islamistischen Boko Haram, himmelweit entfernt. Auch der Präsident weiß, dass sein Land auf dem UN-Index für menschliche Entwicklung nur Platz 153 von 185 aufgeführten Staaten einnimmt.

Nigerias Wirtschaftsboom steht stellvertretend für manch andere Staaten Afrikas, die seit Jahren mit Wachstumsraten von mehr als fünf Prozent glänzen. Zwar ist Nigeria mit einem BIP für 2013 von 510 Milliarden Dollar (371 Mrd Euro) nun die 26-größte Volkswirtschaft der Welt. Das Pro-Kopf-Einkommen ist seit 2009 von 1091 Dollar um 60 Prozent auf 1700 Dollar gestiegen. Aber die Statistik, bestätigt von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF), suggeriert ein gefährlich falsches Bild von Wirtschaftsblüte und Entwicklung.

Denn nach wie vor ist Nigeria ökonomisch Welten vom Schwellenland Südafrika entfernt. Das westafrikanische Land verdankt seine Einnahmen nach wie vor in erster Linie dem Öl. 80 Prozent der Staatseinnahmen und 95 Prozent der Deviseneinnahmen stammen aus diesem Sektor. Eine nennenswerte Industrie, gar eine Warenproduktion für den Export wie in Südafrika, existiert kaum. Der Anteil der industriellen Produktion am BIP sank im vergangenen Jahrzehnt sogar von 36 auf 25 Prozent.

An der Misere Nigerias mit seinen fast 170 Millionen Einwohnern ändert der Öl-Boom wenig. Wie in fast allen afrikanischen Staaten sind Bildungs- und Gesundheitssysteme marode. Es gibt zwar eine bescheiden wachsende kleine Mittelschicht - aber noch immer leben etwa 60 Prozent der Nigerianer in extremer Armut, von weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag.

Und: Die Korruption ist legendär. Transparency International listet Nigeria in seiner Korruptionsskala auf Platz 144 von 177 aufgeführten Ländern. Vor wenigen Wochen etwa hatte Zentralbankchef Lamido Sanusi erklärt, dass 20 Milliarden Dollar aus den Öleinnahmen fehlten. Er beschuldigte die nationale Ölgesellschaft NNPC der systematischen Unterschlagung. Wenig später wurde Sanusi entlassen.

Soziale Spannungen sind vorprogrammiert, auch der Zulauf zu islamistischen Terrororganisationen findet hier eine Erklärung. Angesichts eines rasanten Bevölkerungswachstums drängen Millionen junger Menschen auf den Arbeitsmarkt, neue Jobs aber entstehen kaum. Denn bei der Ölförderung oder der Rohstoffausbeute, in der boomenden Telekommunikationsbranche - 120 Millionen Nigerianer haben ein Handy - oder im florierenden Zementsektor entstehen kaum neue Arbeitsplätze.

Auch die Landwirtschaft, von der noch immer mehr als die Hälfte der Nigerianer abhängt, siecht dahin. 1990 betrug der Anteil der Agrarwirtschaft 40 Prozent am BIP, inzwischen sind es deutlich weniger als 30 Prozent. "Früher waren wir weltweit größter Exporteur von Erdnüssen und Palmöl. Heute importieren wir Nahrungsmittel, wir sind größter Reisimporteur der Welt", klagte Landwirtschaftsminister Akinwumi Adesina. Dabei ist Nigeria reich an fruchtbaren Böden.

Schließlich kommen zu allen ökonomischen und demografischen Herausforderungen, zu den Problemen des Vielvölkerstaates mit seinen zahlreichen Religionen noch die berüchtigte Ineffizienz der Politik hinzu. Zwar meinte Finanzministerin Ngozi Okonjo-Iweala, die neu ausgewiesene Wirtschaftskraft werde ihr Land "für Auslandsinvestoren noch interessanter machen". Aber Nigeria gilt als äußerst schwieriges Pflaster für westliche Investoren.

Die jüngste Entwicklung bringt der Bevölkerung zunächst kaum etwas. Aber sie nährt Ängste in Südafrika, dass der ewige Konkurrent um die Führung in Afrika nun einen Platz in internationalen Gremien wie der G20 oder der Schwellenländer-Gruppe Brics fordern könnte - und damit Südafrika dort ablösen würde.

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Volkerseitz 12.04.2014 - 17:15:31

Danke für den sachkundigen Bericht

Zuverlässiges und zugleich aktuelles Datenmaterial von offiziellen Quellen ist faktisch nur für wenige Länder und Branchen verfügbar. Die Statistikämter in afrikanischen Staaten sind selten ausreichend finanziell und personell ausgestattet, um aussagekräftige Statistiken liefern zu können.Das Fehlen objektiver Daten schafft aber zahlreiche Möglichkeiten, jeden gewünschten Eindruck zu erwecken. Es mag ja sein, dass rein statistisch es afrikanischen Ländern besser geht. Aber es gibt kaum verlässliche Statistiken oder sie sind-wie ich es immer wieder erlebt habe- von den Behörden geschönt. Deshalb ist die Unterstützung von Weltbank, IWF und Afrikanischer Entwicklungsbank für Nigeria eine große Verbesserung. Südafrika hat hat eine eigene Autoproduktion, Maschinenproduktion, chemische Erzeugnisse. Die Abhängigkeit vom Erdöl und Gasexport ist für die Wirtschaftskraft Nigerias ein Nachteil.Das Land rangiert mit seinen mehr als 170 Millionen Einwohnern im Weltentwicklungsbericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen auf Rang 156. Der Ölsektor in Nigeria beschäftigt nur 100.000 Menschen. Das ist bei einer Bevölkerung von über 170 Millionen ein verschwindend geringer Anteil.Trotz der hohen und noch steigenden Arbeitslosigkeit lässt die nigerianische Regierung jedes Gespür für die Dringlichkeit der Lage vermissen. Auch die enorm hohe Geburtenrate bedroht jede Entwicklung. Volker Seitz, Botschafter a.D. und Autor "Afrika wird armregiert"

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