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Keine Angst vor einer notwendigen Debatte

Peter Philipps
Peter Philipps © Foto: privat
Peter Philipps / 15.06.2014, 18:38 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Es gab Zeiten, da wollten die Deutschen die Welt an sich und ihren Vorstellungen genesen lassen. In der Konsequenz führte dies zu Millionen Toten und einem verwüsteten Kontinent. Und es führte dazu, dass sich auf deutschem Boden über Jahrzehnte zwei hochgerüstete Militärblöcke gegenüberstanden. "Nie wieder Krieg", lautete die Schlussfolgerung, und die Schwerter, die zu Pflugscharen werden sollten, fanden breite Zustimmung.

Schien nicht alles auf eine späte Genugtuung Hegels hinauszulaufen, dass sich alle Widersprüche in einer Synthese auflösen? Der Wissenschaftler Francis Fukuyama verkündete nach dem Zerfall der Sowjetunion das "Ende der Geschichte" und hatte mit seinem Buch zur These weltweiten Erfolg. Alles werde schön und der Liberalismus den Frieden auf Erden garantieren.

Aber die Geschichte ist nie zu Ende. Und mit Hegels These ist es wie mit dem Jüngsten Tag: Wir werden beides mit Sicherheit nicht erleben, sondern uns weiterhin täglich mit unschönen Realitäten auseinandersetzen müssen.

Bundespräsident Joachim Gauck hat jetzt zum zweiten Mal öffentlich die Debatte über mehr deutsche Verantwortung in der Welt angestoßen - die letztlich auch ein Nachdenken über letzte militärische Konsequenzen bedeutet. Dies ist aus bekannten Gründen seit Jahrzehnten ein Tabu in Deutschland, aber Tabus ersetzen kein Nachdenken.

Das letzte Mal, dass die Welt einhellig - außer den Deutschen natürlich - das militärische Eingreifen der USA bejubelte, war während des Zweiten Weltkriegs. Alle anderen involvierten europäischen Staaten wehrten sich als Opfer gegen Hitler, aber die Amerikaner griffen als nicht direkt Bedrohte ein. Sie hätten sich, wie lange Zeit vorher, weiter heraushalten können, aber sie traten unter vielen Opfern an, um die Welt mit von der Nazi-Barbarei zu befreien. Auch die Deutschen.

Vielleicht hilft diese Erinnerung, wenn über die Worte des Bundespräsidenten diskutiert wird. Wenn es um Leben Unschuldiger, um die Sicherung von Menschenrechten, um Frieden geht und UN-Debatten und Wirtschaftssanktionen vielleicht nicht ausreichen: Wegsehen? Darüber muss eine ernsthafte gesellschaftliche Debatte geführt werden.

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Genau, genau 17.06.2014 - 17:57:17

Geschichte ist polymorph!

Mein Gott, Herr Kannenberg! Langsam müßten doch auch notorische Linksideologen begriffen haben, daß die Geschichte kein schwarz-weiß Film ist und Deutsche nicht an allem Übel der Vergangenheit schuld sein können. Die Legende von der außschließlichen Verantwortung des deutschen Kaiserreiches am Ausbruch des 1. Weltkrieges ist doch erst kürzlich für jeden leicht verständlich widerlegt worden. Nur Sie schlagen wieder in dieselbe Kerbe! Darüber hinaus kann ich Ihnen versichern, daß das eine Viertel der Weltbevölkerung, das jahrhundertelang von den parasitären Briten ausgequetscht wurde, sich damals sehr gerne dem wesentlich liberaleren deutschen Kolonialismus unterworfen hätte. Und noch etwas: Journalisten Ihres Kalibers können normalerweise gar nicht schnell genug dabei sein, den USA niedere Motive bei deren außenpolitischen Aktivitäten zu unterstellen- nicht ganz zu unrecht. Aber kaum geht es um den 2. Weltkrieg, wird über das edle Handeln unserer großartigen und uneigenützigen amerikanischen Befreier phrasiert. Auch in diesem Fall, Herr Kannenberg, ging es ohne Ausnahme um Handelsbeziehungen, Absatzmärkte und Geld-und Geopolitik. Sie wissen vielleicht nicht, daß unsere großartigen amerikanischen Freunde unter Roosevelt etwa ab 1937 damit begannen, den deutschen Präferenzhandel in Süd-und Mittelamerika (auf Basis bilateraler Handelsverträge, in Form devisenfreier Tauschgeschäfte) zu torpedieren, weil man um seine angestammten Handelsgebiete fürchtete. Die folgenden zahlreichen Provokationen Roosevelts gipfelten am 11. September 1941 in seiner Erklärung, deutsche Über-und Unterwasserfahrzeuge ab sofort ohne Vorwarnung angreifen zu dürfen-genau drei Monate vor der deutschen Kriegserklärung an die USA und ohne von Deutschland zuvor herausgefordert worden zu sein. Sie sehen-und hier schließt sich der Kreis-Geschichte ist dann doch etwas komplizierter, als von Ihnen gemeinhin so verbreitet wird.

dorothee olbrich 17.06.2014 - 08:28:17

Auch in Joachim Gaucks Bibel steht:

(nachdem einer seiner Anhänger bei der Gefangennahme Jesu das Schwert zückte und einen der Häscher verwundete): Da sagte Jesus zu ihm: "Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen." Es geht bei den Krisen dieser Welt und bei der standhaften Weigerung des gesunden Menschenverstandes, sich in neue deutsche Kriegsabenteuer stürzen zu lassen, nicht um "Wegsehen" (= Verweigerung von Verantowrtung), im Gegenteil: Um Hinsehen und Übernahme von historischer, wirtschaftlicher und humaner Verantwortung, die sich nie durch Waffenexporte und Gewalteskalationen ersetzen oder "ergänzen" lässt. Vom Pastor zum Präsidenten wie vom Paulus zum Saulus? Schade. Aber Umkehr soll ja auch für Präsidenten möglich sein.

Klaus Klein 16.06.2014 - 21:20:56

Krieg ums Öl und andere Rohstoffe

Man sollte größere Zusammenhänge betrachten. Wer zu auffällig wenn man die nächsten Kriege mit dem Raub von Ressourcen begründen würde. http://www.youtube.com/watch?v=Jyj-ofBUILw Darüber sollte man diskutieren.

Dr.Peter Tiedke 16.06.2014 - 20:31:17

Eine notwendige Debatte!

Es gab eine Zeit, da schien es in beiden deutschen Staaten Konsens, dass von deutschem Boden "nie wieder Krieg, nur noch Frieden" ausgehen dürfe. Nachdem die DDR Geschichte ist, stellt sich heraus, dass die Herrschenden der BRD zu diesem Konsens durch die Gegenmacht gezwungen wurden. Ohne diesen Zwang erhebt sich dieses Geschrei nach Krieg um neue Märkte und Ressourcen - nur dürftig mit der "Schutzverantwortung" (so hiess das auch schon bei Kaiser und Führer), diesmal ist es die für "Menschenrechte" - bemäntelt. Nein, die (menschliche) Geschichte ist nicht zu Ende - aber die aggressivsten Kräfte in den USA und der EU sind dabei, es darauf ankommen zu lassen! Wer die Illusion hatte, mit dem Sieg des kapitalistischen Systems in Europa ("Liberalismus" ist kein Synonym, sondern eine bewusste Täuschung) würde der Ewige Friede ausbrechen, hatte dessen Geschichte, die eine Geschichte der Kriegsverbrechen ist, gründlich verdrängt. Dass jetzt der Pfarrer Gauck wieder "Kanonen statt Butter" schreit (für andere, versteht sich), zeigt zudem, dass seine Sympathie für seinen Nazi-Onkel nicht nur familiäre Gründe hatte und dass sie ungebrochen ist.

Bürger 16.06.2014 - 10:27:45

sind wir wieder soweit?

Die beiden Weltkriege waren Folgen von Wirtschaftskrisen. Wirtschaftskrisen sind Deflationskrisen, wenn sich Renditen nicht mehr erwirtschaften lassen, weil auf der einen Seite die Vermögen explodieren und auf der anderen Seite die dazugehörigen Schulden drücken. Man versucht zuerst durch Handelskriege und später militärisch "neue Märkte" zu erobern. Schon das Römische Reich expandierte weil die Verschuldung die Wirtschaft erdrückte. Das System ist wegen Zinsen und Zinseszinsen auf Expansion programmiert. Der Zusammenbruch ist unausweichlich denn Vermögen können zwar exponentiell steigen, aber nicht die Schulden, aus denen sie gefüttert werden. Nun stehen wir wieder an der Schwelle wo die wirtschaftliche Expansion in militärische Gewalt eskalieren könnte. Die politischen Argumente sind nur vorgeschoben. Die Politiker spüren, dass die wirtschaftlichen Schieflagen nicht mehr mit normalen Mitteln zu handeln sind. Die Rüstungsindustrie wird angekurbelt, Deutschland ist Exportweltmeister auf diesem Gebiet. Wir schlittern wieder unmerklich in einen größeren Konflikt. Angesichts Ihres Alters hätte ich mehr Weitsicht von Ihnen erwartet. Sie haben sicherlich Kinder und Enkel. Finden Sie es gerechtfertigt Menschen wegen wirtschaftlicher Interessen zu töten?

omen 15.06.2014 - 20:05:08

Auf, auf in den III. WK!!??

Die Äußerungen des Pastors Gauck, der offenbar nie einer mit Herz und Seele war, sind erschreckend und wohl auch nicht die Meinung der Mehrheit der Deutschen. Dabei geht es nicht darum, sich vor Verantwortung zu drücken – im Gegenteil – mit der Ablehnung einer Ausweitung militärischer Abenteuer der Bundeswehr nimmt man seine Verantwortung, auch vor der Geschichte, wahr. Man darf nicht vergessen – wir sind nicht souverän in unseren Handlungen und „Befreiungskriege“ à la Irak haben wir nach einem klaren „Nein“ des Ex-Kanzlers Schröder nicht mitgemacht. Aber man darf sich daran erinnern, dass die BW am Kosovo-Feldzug (Fischers: „Nie wieder Auschwitz!“) teilgenommen hat, um einer verbrecherischen Terrororganisation (UCK) zur Macht zu verhelfen, die dann ihrerseits genau das mit den Serben tat, was man denen zuvor vorgeworfen hatte, ohne dass der Straßenrowdy Fischer seinen Aufruf wiederholte, um diese Kräfte zur Raison zu bringen. Somit haben wir Anteil an der Kosovo-Problematik, die bis heute nicht geregelt ist. Unser Bundesgaukler will also unsere Kinder wieder in militärische Abenteuer schicken? Soll er erstmal seine eigene bucklige Verwandtschaft zum Kriegspielen entsenden und die Särge betrauern!! Leider macht sich unsere Systempresse mit diesem Unfug gemein. Ja, wir sollten nachdenken, aber in umgekehrter Richtung – raus aus der NATO, damit wir nicht in einen Krieg reingezogen werden, der nicht unserer ist und am Ende sind wir wieder die Alleinschuldigen (siehe I.WK!!) Und wie schnell sich unsere völlig kompetenzfreien Politiker in fremde Konflikte hineintreiben lassen, haben wir ja in der Ukrainekrise gesehen, wo sie eine deutschlandfeindliche Politik betrieben haben, die im völligen Gegensatz zu unseren ureigensten Interessen stand und steht. Herr Phillips, vielleicht denken Sie mal an Ihre Kinder bzw. Enkel und ob Sie diese auf einem Schlachtfeld verbluten lassen sehen wollen, bevor Sie dem unsäglichen Unfug dieses deutschlandfeindlichen Bundespräsidenten das Wort reden!!

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