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zum Christentum
Das seltsame Beharren auf christliche Werte in einer konfessionslosen Region

André Bochow
André Bochow © Foto: MOZ
Meinung
André Bochow / 31.03.2018, 10:30 Uhr
(MOZ) Als gottloseste Region der Welt wird der Osten dieses Landes bezeichnet. Der Beweis: Drei von vier Bürgern des Gebietes, das früher mal DDR hieß, sind konfessionslos. In Brandenburg sind es sogar noch mehr. Allenfalls zu Weihnachten und jetzt zu Ostern gibt es ein wenig Gedränge auf den Kirchenbänken. Mal abgesehen davon, dass die Nichtzugehörigkeit zu einer der großen christlichen Kirchen keineswegs bedeutet, bar jeden religiösen Empfindens zu sein, so fällt doch im Ost-West-Vergleich die Diskrepanz auf.

Offiziell bekennen sich im Westen prozentual ungefähr so viele zum Katholizismus oder Protestantismus wie es im Osten Kirchenverweigerer gibt. Und zumindest für die Bundesrepublik ebenfalls auffallend: Die Tendenz zum Nationalismus ist dort größer, wo es weniger Kirchenmitglieder gibt. In Ostdeutschland.

Man hat die Abkehr der Ostdeutschen vom Christentum häufig mit der kommunistischen Erziehung im verblichenen Arbeiter-und Bauernstaat begründet. Das Argument ist keineswegs von der Hand zu weisen, auch wenn es für weite Teile Osteuropas nicht gilt. So hat sich der Katholizismus in Polen bis heute in einer sehr konservativen Form gehalten und spielt sowohl gesellschaftlich als auch politisch weiterhin eine große Rolle.

In der DDR wurde es Christen alles andere als  leicht und mitunter sogar besonders schwer gemacht. Wer Konfirmation statt Jugendweihe wählte, musste mit Schwierigkeiten rechnen. Andererseits genossen die Kirchen vor allem in der Endphase des sozialistischen Experiments auf deutschem Boden große Achtung. Hier fanden  Dissidenten Raum und manchmal Schutz, auch wenn sie sonst mit den Kirchen gar nichts zu tun hatten. Blues-Messen, Lesungen und Feste zogen die Menschen an.

Wie fragil die Bindung war und wie wenig sie in den neuen Zeiten noch zählte, zeigte sich nach dem Ende der DDR, als wegen der drohenden Kirchensteuer scharenweise getaufte Mitglieder den Gotteshäusern den Rücken zuwandten. Nun aber verteidigen zahlreiche Bürger der nicht mehr so neuen Länder das christliche Abendland gegen den Islam, der im Osten mit der Lupe gesucht werden muss. Werden wir also Zeuge einer religiösen Erweckung? Wohl kaum. Eher wird das Christentum wahllos und häufig ohne jede Kenntnis desselben schamlos missbraucht. Wenn es gerade passt, mixen Propagandisten auf den Kundgebungsplätzen von Dresden oder Erfurt gern noch etwas Germanenkult in die pseudoreligiöse Suppe.

Weil sich aber die Kirchen vor Flüchtlinge und Muslime stellen, werden sie an das gleiche Kreuz genagelt, an dem schon Politiker und die berühmte „Lügenpresse“ hängen. Und was aus Jesus geworden wäre, wenn er in Heidenau, Freital oder auf  einer Höcke-Poggenburg-Kundgebung aufgetaucht wäre, möchte man sich lieber nicht vorstellen. Es gibt offenbar in Ostdeutschland nicht nur eine religiöse Entwurzelung, sondern auch eine moralische.

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Norbert Wesenberg 05.04.2018 - 07:20:13

Ein Schuß in den Ofen

Wie die Reaktion bei den Leserkommentaren hier zeigt, hätte Herr Bochow wohl eher mit seinem Kommentar bei den Lesern der Südwest Presse in Ulm und um Ulm herum, punkten können. Die hätten ihm stockkatholisch den Unsinn über die gott- und morallosen Ostdeutschen blindlings abgekauft.

Frank Schneider 04.04.2018 - 21:05:19

Das seltsame Beharren auf christlichen Werten

Wenn ich die Wahl habe zwischen "Du sollst nicht töten" und "Tötet die Ungläubigen wo immer Ihr sie findet", dann ist das Beharren auf der ersten Variante seltsam?

Karl Heinz Günther 04.04.2018 - 13:31:50

Die Ossis waren nur aufgeklärter

Hallo, Herr Bochow, die Religionen nutzen doch heute noch die Menschen für ihre Ziele und Interessen schamlos aus. Und die Regierung unterstützt das auch noch. Selbst vom ALG wird meines Wissens noch der pauschalisierte Kirchensteuersatz in Höhe von 8 bzw. 9 % von den sogenannten "Gottlosen" einbehalten . Es ist doch eine Schande, wie gegenwärtig auf der Erde Religionskriege in vielen Ländern zu Armut und Elend führen, selbst der Papst muss machtlos zusehen und der "Liebe Gott" hilft nicht. Bitte erst denken und dann schreiben.

Sascha Hönisch 03.04.2018 - 14:42:36

TOP Beitrag

Super Beitrag. Sascha von Moz.com (DA 88-NoFollow)

Werner Matzat 03.04.2018 - 09:34:19

Die Kirche, bis Heute ein Hort der Heuchler - kurze Wissensvermittlung - noch Fragen?

Ein Prediger versuchte einen ungläubigen Freund zur Kirche einzuladen. Dieser aber lehnte dankend ab, mit der Begründung: „Nein, da gehe ich nicht hin, da sind mir zu viele Heuchler, ich tue viel mehr Gutes als die ganze Kirche zusammen!” Der Prediger antwortete: „Ach, für einen mehr, haben wir immer noch Platz!“ Was ist eigentlich ein Heuchler? Was ist die Bedeutung dieses Wortes? Eine Person, die sich den Anschein gibt, eine Tugend oder Frömmigkeit zu verkörpern. Eine Person, deren Handlungen nicht übereinstimmt mit den Überzeugungen, die sie nach außen hin vertritt. Luther hat in seinen Übersetzungen die Begriffe Heuchler, bzw. Heuchelei übersetzt mit folgenden Begriffen: Jemand der „glatte Reden“ führt. Ps.5:10, Jemand der lügt oder zum Lügner geworden ist, um Menschen und Gott zu täuschen. Ps.78:36, Nun, wenn man diese Definition bis zum Ende durchdenkt, dann sind alle Menschen vor Gott Lügner und Heuchler. Und das bestätigt uns Gottes Wort. Röm.5:4 „Vielmehr ist es so: Gott ist wahrhaftig, jeder Mensch aber ein Lügner.“ Wenn wir das so sehen, dann sind nicht nur die Kirchen voller Heuchelei, sondern auch die Welt ist davon erfüllt. Denken wir allein was uns in der Politik begegnet, wie fast jede Partei der Heuchelei bezichtigt wird: Die CDU wegen ihrem christlichen C, Die SPD wegen ihrer unsozialen Agenda 2010, Die Grünen, die als pazifistische Partei in der grün-roten Koalition den ersten Militäreinsatz der BRD mit beschlossen hat. Und natürlich macht auch der Vorwurf der Heuchelei vor den christlichen Konfessionen nicht Halt. Denken wir an die Erschütterung der letzten Jahre, als der Kindesmißbrauch in den katholischen Einrichtungen ans Licht kam. Und was für eine wichtige und erschütternde Erkenntnis, dass dieses unmenschliche Verbrechen nicht nur in der katholischen Kirche sondern in verschiedensten Konfessionen und eben auch weltlichen Einrichtungen zu finden war. Und so werden die verlogenen "christlichen" Politiker heute wieder in die Kirchen strömen und ganz vorne sitzen. Da wo sie von Jesus einst als Schriftgelehrte und Pharisäer, als Heuchler geoutet worden waren. Soviel zur gottlosesten Region der Welt, dem Osten Brandenburgs. Ach übrigens, die Daseinsberechtigung der Kirche bestand schon immer aus Hexenverbrennung, Inquisition, Kreuzigung, Kindesmissbrauch - Ihre Kirche, wir wissen wie wir feiern! Noch Fragen?

Norbert Wesenberg 02.04.2018 - 11:24:59

Übrigens Herr Bochow,...

...je mehr Politiker und Kommentatoren der Medien wahllos auf den Ostdeutschen herum hacken, um so mehr Widerstand wird ihnen begegnen. Leider hat das noch niemand von denen begriffen.

Norbert Wesenberg 02.04.2018 - 10:50:52

Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen christlichen und humanistischen Werten?

Diese Frage sollte der Kommentator mal versuchen nicht nur den "gottlosen Ostdeutschen" glaubhaft zu beantworten. Die vermeintliche Gottlosigkeit im Osten Deutschlands hat unzweifelhaft auch mit der Entmachtung der Kirche in der DDR und dem ausgeübten Druck auf Protestanten und Katholiken zu tun. Unzweifelhaft aber auch mit der Heimkehrern der Wehrmacht aus der Kriegsgefangenschaft zu tun, die jeglichen Glauben, woran auch immer, verloren hatten. Herr Bochow hätte besser daran getan mal die Rolle der Kirche in zwei Weltkriegen und ihre unrühmliche Rolle auch in der Gegenwart, näher zu beleuchten. Beide Konfessionen standen von ihrer Führung immer auf der Seite der politisch Mächtigen. Betrachtet man die Gegenwart, so hat sich daran auch nichts geändert. Eine Trennung von Staat und Kirche steht lediglich auf dem Papier. Dazu genügt ein Blick in die neue Bundesregierung. Sie wird dominiert von Katholiken, weniger von Protestanten und schon gar nicht von unterrepräsentierten Konfessionslosen. Wie also ist der Kommentar von Herrn Bochow zu verstehen? Ist es ein Versuch der Missionierung der Ostdeutschen? Der wird mit Sicherheit nicht gelingen, denn dazu sind diese in ihrer Aufklärung schon ein gehöriges Stück weiter als ihre Landsleute im Westen und haben dennoch eine konkrete Vorstellung ihrer Identität.

Dieter Sauer 01.04.2018 - 12:31:53

Ist Gottlosigkeit inzwischen wieder ein Makel ?

Vielleicht ist die Aufklärung im Osten auch etwas weiter vorangeschritten? Die Diskussion um christliche Werte wird nur dazu benutzt, um sich gegenseitig etwas vorzumachen. Die Welt ist aus den Fugen geraten und immer mehr Menschen erkennen das. Im Gegensatz zu unseren Nachbarn wollen unsere Politiker die ganze Welt retten und übersehen dabei, dass das für die Gesellschaft erträgliche Maß überschritten wird. Die Polemik, die gegen die Gegner dieser Politik auch in obigem Kommentar zum Ausdruck kommt, verstärkt die Spaltung und ist nicht hilfreich. In der heutigen aufgeklärten Zeit, in der der Mensch zunehmend in der Lage ist, „selbst Gott zu spielen“, stellt sich für mich die Frage warum die Religionen in dieser Welt noch immer einen so hohen Stellenwert besitzen und als Vorwand für Kriege herhalten. Ich bin dafür, Verfolgten im Sinne des Asylgesetzes uneingeschränkten Schutz zu gewährleisten! Das ist sicher auch Konsens bei der Mehrheit der hier abgestraften „Dunkeldeutschen“ (kann man auch im ursprünglichen Positionspapier von Pegida nachlesen). Wenn die Kirchen darüber hinaus allen Notleidenden der Welt Zuzug in unser Sozialsystem gewähren wollen, dann sollen sie mit ihrem gesamten Vermögen und das ihrer Mitglieder dafür bürgen. In diesem Fall werden sie sehr schnell an ihr Ende gelangen. Eine Gesellschaft bzw. ein Staat ist nur dann stabil, wenn seine Gesetze und sozialen Normen für alle gelten und nach ihnen verfahren wird. Wer die Abkehr von diesen Normen betreibt, betreibt die Auflösung des Staates und gefährdet den Frieden. Unser Handeln sollte ausschließlich auf gegenseitiger Achtung und humanistischen Werten beruhen. Mit der Flüchtlingskrise wird die Religiosität in den Vordergrund geschoben, was fatale Folgen hat. Die Spaltung der Gesellschaft wird vor diesem Hintergrund von beiden Seiten vorangetrieben, dessen sollte sich der Kommentator bewusst sein!

Frank Schneider 01.04.2018 - 10:26:21

Eine Amtskirchen-Renaissance im Osten ist undenkbar

Kirchliche Leitfiguren wie aktuell der katholische Kardinal Reinhard Marx oder der evangelische Heinrich Bedford-Strohm haben sich dem System angedient, sprechen 1:1 die Sprache der Mächtigen und legen auch schonmal ihr Kreuz ab, um auf dem Jerusalemer Tempelberg den Moslems zu gefallen. Zur weltweiten Christenverfolgung hört man keinerlei Stellungnahme dieser Leute. Einer von diesen Personen geführten Amtskirche missgönnt man die ihnen anvertraute Kirchensteuer. Die Käßmanner und -frauen mögen sich regelmäßig auf Kirchentagen in der Blase ihrer Fans lobhuldigen lassen - von außen betrachtet schreckt dies nur noch ab.

Paul Müller 31.03.2018 - 22:53:15

Nunja, vielleicht fand auch der Redakteur ...

... einer einst parteinahen Zeitung hier in den Nachwehen des Umbruchs so eine Art "Ersatzreligion" - und zwar in einem noch nie so christlichen Christentum wie heute. Wer sich sich fragt wo die Reise hier in Europa hingeht, der muss lediglich das Schicksal der Christen und Andersgläubigen in ehemals so liberalen Ländern wie Afghanistan oder Syrien auf Deutschland extrapolieren ...

Horst Hahnemann 31.03.2018 - 21:05:20

Ist der Osten von Gott verlassen?

Da ist dem Kommentator wohl einiges durcheinander geraten. Es fängt damit an, dass die Worte „konfessionslos“ und „gottlos“ in einem Atemzug gebraucht werden. In diesem Falle kann der deutsche Osten zur „gottlosesten Region der Welt“ erklärt werden. Der Kommentator verrät nicht, wo er diesen unsinnigen Spruch schon mal gehört hat und ob er sich damit identifiziert. Er verwendet ihn wahrscheinlich nur, weil er so schneidig klingt. Die Abkehr der Ostdeutschen von den christlichen Kirchen hat sicherlich mit dem politischen Druck im DDR-Staat zu tun, auch wenn der Begriff kommunistische „Erziehung“ hier nicht so richtig passt. Wie erklärt sich nun das „seltsame Beharren auf christliche Werte in einer konfessionslosen Region“ ? Der Widerspruch existiert nur scheinbar und hat vor allem damit zu tun, dass kaum jemand weiß, was „christliche Werte“ sind. Auf Nachfrage nennen die Leute meistens traditionelle Wertvorstellungen, die das soziale Handeln schon immer bestimmt haben, jedenfalls in einigermaßen normalen Zeiten. Das ist im Osten nicht anders als im Westen. Christliche Glaubensinhalte werden dabei kaum jemals erwähnt. Da der religiöse Bezug den Menschen überhaupt nicht bewusst ist und die meisten nicht einmal die Zehn Gebote zusammen bringen, sollte man Gott und die Religionen ganz aus dem Spiel lassen. In den angelsächsischen Ländern ist man da schon weiter und spricht von „family values“, die in unserer Kultur das Zusammenleben der Menschen bestimmen.

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