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zu Angela Merkels Zittern
Grenzen des Tabus

Roland Müller
Roland Müller © Foto: SWP
Meinung
Roland Müller / 11.07.2019, 19:33 Uhr
Ulm Angela Merkel zittert, und die Welt hält den Atem an. Oder geht das alles niemanden etwas an?

Es ist erstaunlich, welch heftige Reaktionen die kurzen Attacken der Kanzlerin auslösen. Die einen suhlen sich in Häme und stellen Ferndiagnosen, andere nehmen Anteil, leiden mit. Und mancher Journalist fordert ein ärztliches Attest.

Dass manchem in der Aufregung der Maßstab verloren geht, liegt daran, wie ungewöhnlich die Vorgänge sind. Die Debatte berührt einen Bereich, der in der Regel tabuisiert ist. So werden nun auch grundsätzliche Fragen aufgeworfen. Dürfen Spitzenpolitiker in ihrem Knochenjob keine Schwäche zeigen? Sind die teils unappetitlichen Spekulationen ein weiterer Dammbruch der Sensationsgier? Wird das Thema anders bewertet, weil es um eine Frau geht?

Die banalste Erkenntnis ist die, dass in einer Demokratie diese Debatten nicht zu verhindern sind. Diktatoren und autoritäre Herrscher haben ihr Bild in der Öffentlichkeit stets penibel kontrolliert und mit Hilfe von Zensur die Fassade der eigenen Grandiosität gewahrt. In einer freiheitlichen Gesellschaft sind die Staatenlenker im Brennglas – ein öffentlicher Kontrollverlust ist ein Thema, muss ein Thema sein.

Doch wo liegen die Grenzen? Grundsätzlich gehören medizinische Diagnosen zur "Intimsphäre", dem grundgesetzlich am strengsten geschützten Bereich des Persönlichkeitsrechts. Krankheiten von Politikern sind daher in der Regel auch kein Thema für die Presse – es sei denn, die Betroffenen entscheiden sich selbst dafür, es zu thematisieren, so wie es etwa Ex-CDU-Generalsekretär Peter Tauber oder der an Krebs erkrankte FDP-Politiker Jimmy Schulz getan haben. Neben rechtlichen Leitplanken greift hier auch eine polit-­journalistische Tradition, die der Privatsphäre einen relativ hohen Stellenwert einräumt.

In angelsächsisch beeinflussten Ländern und vor allem in den USA ist das anders. Es gehört zu den Ritualen der US-Politik, dass sich die Präsidenten einem Gesundheitscheck unterziehen müssen, dessen Ergebnisse danach verbreitet werden. So erfuhr die Welt im Februar, dass Donald Trump einen Blutdruck von 118 zu 90 hat, mit erhöhten Cholesterinwerten kämpft und offiziell als fettleibig gilt.

Auch wenn das in Deutschland undenkbar wäre, endet die Zurückhaltung an der Stelle, an der gesundheitliche Probleme Konsequenzen für die Amtsführung haben. Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin, auf die im Ernstfall kein Verlass wäre – das darf nicht sein. Daher sind die Fragen an Merkel statthaft, und sie ist der Öffentlichkeit eine Antwort schuldig.

Nur: Merkel hat diese Antwort bereits mehrfach gegeben, redet offen und gelassen über das Thema, liefert eine psychologische Erklärung. Sie hat zudem in den vergangenen Wochen ein enormes Pensum an Gipfeltreffen mit der gewohnten Routine abgespult. So lange keine neuen Fakten vorliegen, ist also wohl die naheliegendste Diagnose: Sie ist ein Mensch.

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