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zu 30 Jahre Mauerfall
Ein Tag zum Feiern

Claus Liesegang
Claus Liesegang © Foto: MMH
Meinung
Claus Liesegang / 09.11.2019, 09:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Lassen wir uns nichts anderes einreden. Heute ist für ganz Deutschland ein Tag zum Feiern und zum Danken.

Der Dank gebührt denen, die es vor 30 Jahren ermöglichten, dass die Mauer fiel. Ihretwegen können wir kommendes Jahr auch 30 Jahre Deutsche Einheit feiern. Außerdem jährt sich im Jahr 2020 das Ende des verheerenden Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Aber nicht nur das: Weil die Revolution in der DDR 1989 eine friedliche war, werden wir 2020 in Deutschland vor allem 75 Jahre ohne Krieg und Bürgerkrieg feiern.

Dieser Tage hat man indes den Eindruck, dass unser Land zum 30. Jahrestag des Mauerfalls nicht wirklich in Feierlaune ist. Die Menschen achten einander viel zu wenig, im Internet bewerten sie andere Meinungen allzu oft rein egoistisch und werden verbal gewalttätig. Sie empören sich über die Politik, die ihnen viel zu wenig entscheidet, und sie laufen falschen Volkstribunen hinterher. All das zeichnet kein Bild von Deutschland, das stolz vor Freude strahlt und charmant Nachbarn und Freunde einlädt, an seinem Fest teilzuhaben. Deutschland ist grau im 30. Herbst des Mauerfalls.

Das Krakeel der Populisten und der berechtigte Unmut über die schiere politische Hilflosigkeit der Etablierten lassen das Erreichte in den Hintergrund treten, ja fast in Vergessenheit geraten. Dabei ist doch eines sonnenklar: Auch wenn die sprichwörtlichen blühenden Landschaften vielerorts fehlen mögen, so ist doch – neben 1000 anderen Erfolgen – der kritische Blick, diese extreme Kontroverse zur GroKo, zu Angela Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik, zu Europa, zum Klima und vor allem die Härte, mit der die Debatten in Parlamenten, in Talk-Runden und auf der Straße ausgetragen werden, nur deshalb möglich, weil sich die Ostdeutschen das Recht zur freien Meinungsäußerung als wichtigste aller neuen Errungenschaften vor 30 Jahren erkämpft haben.

Warum nehmen das Etliche nicht wahr? Warum reden sie die Mauer in den Köpfen herbei? Warum beschwören sie die Renaissance eines innerdeutschen Ost-West-Konflikts? Ja, es wurden Fehler gemacht, viele Fehler, zu viele Fehler. Aber wenn etwas neu, ungeübt ist, wenn etwas unvorbereitet kommt, dann kann es kaum fehlerlos und schon gar nicht perfekt sein. Für den Umgang mit einer Revolution gab es 1989 ebenso wenig ein Handbuch, wie es 2015 eines für den Ansturm der Flüchtlinge gab, oder es dieser Tage eines für den Brexit gibt. Bei derart großen und komplexen Ereignissen sind Fehler eben niemals auszuschließen, auch solche nicht, die noch Jahrzehnte nachwirken. Das entschuldigt allerdings nicht, dass es stets auch empörende Pannen und nicht nachvollziehbaren Dilettantismus gab.

Heute ist offensichtlich, was bei der Wiedervereinigung alles falsch lief, bei der Privatisierung von Unternehmen, die in Teilen einem Ausverkauf, einer Ausbeutung Ostdeutschlands gleichkam. Klar ist zum Beispiel auch, dass für das Bildungs- und das Gesundheitswesen ein "Best of" von Ost und West besser gewesen wäre, als das Überstülpen der westdeutschen Systeme, was viele ehemalige DDR-Bürgerinnen und -Bürger als Zwangsmissionierung empfanden. Wir wissen, viele Menschen wurden nicht mitgenommen bei dem Projekt "Deutsche Einheit". Manche blieben auf der Strecke, und der Volksmund gebar folglich und zu Recht den Besserwessi.

Aber heute muss der Blick nach vorne gehen; zuvorderst von denen, die führen, die regieren. Wenn Politiker wie der JU-Vorsitzende Tilman Kuban und andere, die der CDU-Jugendorganisation gerade entwachsen sind – also solche, denen die friedliche Revolution, der Mauerfall und die Wiedervereinigung quasi als Geschenke in die Wiege oder Kinderstube gelegt wurden – wenn sie heute altklug Phrasen dreschen, indem sie zum Beispiel Thüringens Ministerpräsidenten Ramelow einen "SED-Erben" nennen und die Linke mit der AfD als Radikale in einen Topf werfen, dann identifiziert sie dies nicht als mutige und zukunftsweisende Klartexter. Sie zeigen sich vielmehr als gedankenlose Nachplapperer gestriger Plattitüden und als lebende Beweise dafür, dass tatsächlich noch Mauern in Köpfen existieren.

Wir brauchen in dieser heiklen Zeit in Deutschland keine Ideologen, keine Stigmatisierer, keine Abschotter, keine Sämänner von Neid und Missgunst, keine Schreiner geistiger und politischer Schubladen. Wir brauchen Brückenbauer, Aufeinander-Zugeher, Menschen, die gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung für das Geleistete leben, die sich die Fehler, Versäumnisse und die Arroganz und Überforderung von einst vergeben. Wir brauchen Ost- und Westdeutsche, die anpacken, die kreativ sind und gestalten, nicht solche, die nur rufen, dass "der Staat" es richten muss. Ähnlich dringend wie damals brauchen wir Menschen, die mit Leidenschaft und Mut Mauern einreißen. Heute sind das virtuelle Mauern, Mauern aus Hass und Intoleranz, aus Rassismus und Ausgrenzung, aus Neid und falscher Angst. Wir brauchen neue "Wir sind das Volk"-Menschen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass es diese Menschen in Brandenburg, in Ostdeutschland, in der ganzen Bundesrepublik in großer Zahl gibt. Deshalb ist heute tatsächlich ein Tag zum Feiern.

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Willi Bald 09.11.2019 - 10:35:32

Wir brauchen neue "Wir sind das Volk"- Menschen

beim Aufschlagen der heutigen MOZ werde ich stark an den Jubelgesang des "Neuen Tag" oder des "Neue Deutschland" zu Republikgeburtstagen oder Parteitagen erinnert. Wenn man sich die abgebildeten Prominente (oder Möchtegerne) und deren Kommentar zum Mauerfall an den unteren Seitenrändern der MOZ ansieht bekommt der Satz von Herrn Liesegang : Wir brauchen neue "Wir sind das Volk"- Menschen eine ganz neue Bedeutung

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