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zum Streit um die RTL-Reality-Show
Lasst das "Dschungelcamp" in Ruhe!

André Bochow
André Bochow © Foto: Thomas Koehler/photothek.net
Meinung
André Bochow / 09.01.2020, 20:28 Uhr
Berlin (NBR) Australien brennt und heute startet dort die neue Staffel des RTL-"Dschungelcamps".

Während Feuerwehrleute unter Einsatz ihres Leben gegen die Flammen kämpfen, Wälder von der Größe mehrerer Bundesländer vernichtet werden und Millionen Tiere den Feuertod sterben, wollen  C, D- oder Z-Promis öffentlich um ein Preisgeld kämpfen, das bekommt, wer sich nach Ansicht der Fernsehzuschauer am besten zum Affen gemacht, am tapfersten Kakerlaken und die Camp-Mitbewohner ertragen hat. Unerträglich findet eine Allianz aus "Bild", Ex-Dschungel-Campern und einigen Politikern, dass dieses umstrittene, aber gut erprobte Unterhaltungsformat mitten in die Katastrophe hinein gesendet wird. Der Sender aber zeigt sich einigermaßen hartgesotten – und das ist auch richtig so.

Denn was soll der Maßstab sein für  Unglücke und Desaster aller Art, mit dessen Hilfe man entscheiden kann, wann welche Unterhaltung im Fernsehen noch einigermaßen vertretbar ist? Der Ex-Kandidat für den SPD-Parteivorsitz Karl Lauterbach spricht im Zusammenhang mit den australischen Großfeuern von einem Tanz auf dem Vulkan, weswegen die Sendung nicht laufen dürfe. Bedeutet nicht die reine Existenz von Atomwaffen – und erst recht ihre Weiterverbreitung –, dass wir ständig auf dem Vulkan oder meinetwegen auf der Titanic tanzen? Und dazu spielen sehr viele Bordkapellen auf. Niemand beschwert sich darüber.  Hat der Hunger in der Welt – betrifft mehr als  800 Millionen Menschen – zum Ende der deutschen Kochshows geführt?

Natürlich wäre es besser, richtiger und zukunftsweisender, wenn wir uns an jedem Abend mit Fernsehsendungen über den Krieg im Jemen, die Sklavenarbeit in den Golfstaaten, den Kinderhandel in Afrika oder mit anderem Elend auseinandersetzen würden. Ein flüchtiger Blick in diverse Programmzeitschriften zeigt: Wer das will, kann es tun. Aber es ist die pure Heuchelei, sich eine einzelne Unterhaltungssendung herauszugreifen und einen moralischen Popanz aufzubauen, nur weil die katastrophalen Ereignisse – Hunderte Kilometer entfernt – in genau dem Land stattfinden, in dem die gescholtene Trash-Show aufgenommen wird. Im Zweifelsfall wäre Protest gegen die Sendung doch wohl eher Sache der Australier.

Wenig überzeugend ist nun der RTL-Versuch, Klamauk und Moral zu verbinden. Kocher statt Lagerfeuer: einfach lächerlich. So wie die Hinweise, man könne durch die Show auf die Katastrophenlage aufmerksam machen. Und wie müsste man sich das vorstellen? Verzicht auf das Kauen von Känguru-Hoden, mit dem Hinweis auf die verendeten Artgenossen? Niemand muss sich das "Dschungelcamp" anschauen. Die Selbstentblößungs-Sendung, die nun erstmals einem Ex-Bundesminister zur persönlichen finanziellen Erholung dienen soll, ist alles andere als ein kultureller Höhepunkt. Nur sind die Selbstdarstellungskünste jener, die sich medial zu einiger Empörung aufblasen, kein bisschen mehr wert und sind auch nicht besser als die der im Camp Herumlungernden.

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