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zum Alkoholkonsum
Genuss und Elend

Tanja Wolter
Tanja Wolter © Foto: Volkmar Könneke
Meinung
Tanja Wolter / 23.01.2020, 20:23 Uhr
Ulm (SWP) Der "Dry January", eine Erfindung der Briten, neigt sich dem Ende zu. Seit ein paar Jahren liegt es in einigen Ländern im Trend, nach Silvester einen Monat lang keinen Alkohol zu trinken. In Deutschland ist von einer großen "Dryuary"-Welle zwar nicht viel zu spüren. Dafür nähert sich mit den tollen Tagen auch die Fastenzeit.

Längst wird sie nicht mehr nur von religiösen Menschen genutzt, um eine Zeit lang auf Fleisch, Süßes und vor allem auf Alkohol zu verzichten.

Ob trockener Januar oder Fastenwochen: Um die Teilnehmer muss man sich keine Sorgen machen. Wer sich nicht scheut, 30 oder 40 Tage lang die Finger von Bier, Wein und Schnaps zu lassen, hat nur in seltenen Fällen ein Alkoholproblem. Der Trend zu einem gesunden Lebensstil fördert diese Entwicklung. Sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen ist laut Suchtbericht der Bundesregierung – langfristig betrachtet – der regelmäßige Alkoholkonsum rückläufig.

Und trotzdem kennt vermutlich jeder einen Suchtgefährdeten – ob Verwandter, Kollege oder Nachbar. 18 Prozent der Männer und 14 Prozent der Frauen in Deutschland weisen einen riskanten Alkoholkonsum auf, knapp 1,8 Millionen gelten als abhängig. Für eine Mehrheit ist das Pils zum Fußball oder der Drink zur Einstimmung ins Wochenende selbstverständlich, was für sich genommen unbedenklich ist. Aber wenn aus dem einen Glas regelmäßig zwei, drei oder noch mehr werden, wird es irgendwann kritisch. Das weiß jedes Kind. Aber es bekommt genauso mit, dass Erwachsene ohne Alkohol keine Feste feiern und dass sich auch im Urlaub einiges um diesen Stoff dreht.

Die legale Droge, die als nationales Kulturgut gilt, kennt viele Seiten: Sie hat die dem Leben zugeneigte, gesellige Komponente, ohne die man sich weder eine Hochzeit noch eine Betriebsfeier vorstellen mag. Und sie vernichtet Existenzen, fördert Aggressionen und schädigt Kinder im Mutterleib. Sie gehört bis heute zu christlichen Riten wie dem Abendmahl. Und sie tötet: im Straßenverkehr, bei Gewaltausbrüchen und als Folge alkoholbedingter Erkrankungen. Sie ist der Inbegriff von Genuss, ob es um den guten Roten zum Essen oder das Glas Champagner geht. Und sie ist ein Synonym für Exzesse und Kontrollverlust, Absturz und Elend.

Der volkswirtschaftliche Schaden durch Alkoholismus geht jährlich in die Milliarden. Es sind aber vor allem die sozialen Folgen, weswegen der Kampf gegen den Missbrauch nicht nachlassen darf. Es ist ja nicht nur das eigene Leben, das Betroffene an die Wand fahren. Die Sucht prägt auch das Leben ihrer Angehörigen. Für Kinder ist es der täglich erlebte Vertrauensbruch ausgerechnet durch die Menschen, die sie lieben – und die ihnen eigentlich Halt geben sollten.

Alkoholiker und ihre Familien benötigen professionelle Hilfe. Für alle anderen muss es gar nicht unbedingt ein Fastenmonat sein. Wie wäre es mit zwei alkoholfreien Tagen pro Woche, aus denen dann auch mal drei oder vier Tage werden können? Zur Trinkkultur sollte aber auch endlich gehören, dass jeder Nein sagen kann. Ohne dies erklären zu müssen.

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