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Zu Europa in Corona-Zeiten
Durchgefallen

Ellen Hasenkamp über Europa in der Corona-Krise.
Ellen Hasenkamp über Europa in der Corona-Krise. © Foto: MMH
Meinung
Ellen Hasenkamp / 20.03.2020, 19:49 Uhr - Aktualisiert 23.03.2020, 12:10
Frankfurt (Oder) (MOZ) Das wird ein trauriger Geburtstag. Mal abgesehen davon, dass Partys im Moment untersagt sind, dürfte in Sachen Europa derzeit wirklich niemandem zum Feiern zumute sein.

Das gilt insbesondere für eine der wichtigsten europäischen Errungenschaften; den Wegfall von Grenzkontrollen. In ein paar Tagen wird die "Inkraftsetzung des Schengener Durchführungsübereinkommens" 25 Jahre alt. Dieses Wortungetüm steht für die Abschaffung der Schlagbäume an den Binnengrenzen, es steht aber vor allem für eine der Kernideen Europas: Das Zusammenwachsen der Nationalstaaten zu etwas Größerem.

Jetzt aber, ein Vierteljahrhundert später, zerfällt dieses Größere vor unser aller Augen unter dem Druck der Corona-Krise zu etwas sehr Kleinem: einer Ansammlung hektischer und egoistischer Einzelaktionen.

Die Rekord-Staus an der deutsch-polnischen Grenze sind dabei nur eines der vielen Symptome der wirklich schweren Infektion, die die EU befallen hat. Andere sind Exportbeschränkungen, verweigerte Hilfen, Vorpreschen hier und Vorwürfe dort. Auch die EU hat massive Atemnot wegen Corona. Das große Projekt Europa schwebt in Lebensgefahr.

Kann Europa scheitern? Diese Frage, die zuletzt während der Euro-Krise vor zehn Jahren im Raum stand, ist zurück. "Wir stemmen uns mit ganzer Kraft dagegen", antwortet EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, und unterstreicht damit nur die Dramatik der Lage. Von der Leyen,  der nun wirklich niemand mangelnde Durchsetzungsfähigkeit bescheinigt, wurde als zentrale europäische Figur von den Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten in den vergangenen Tagen buchstäblich beiseitegeschoben.

Ein jeder machte, was er oder sie für richtig hielt – und das waren unter anderem eben die Grenzschließungen, obwohl diese auch in offiziellen Pandemieplänen verworfen werden. Zugleich wurden die engsten Nachbarn überrascht: Absprache? Koordination? Fehlanzeige.

Zumindest in Sachen Güterverkehr gibt es nun ein Einsehen, dass es die europäische Wirtschaft vollends in den Zusammenbruch treiben würde, wenn dringend benötigte Güter nun tagelang an den Grenzen festhängen. Die Staus lösen sich laut Verkehrsfunk langsam auf, der drohende Kollaps des europäischen Blutkreislaufs scheint gerade nochmal abgewendet.

Nicht unterschätzt werden sollten aber auch die psychologischen Folgeschäden der Krise. Die Italiener werden es sich merken, wie sehr der Rest der EU anfangs auf Abstand ging, als in den norditalienischen Kliniken längst der Notstand herrschte. Dass eine der ersten Hilfslieferungen ausgerechnet aus China kam, entlarvte die vielbeschworene europäische Solidarität als Worthülse. Auch Deutschland hat sich zunächst nicht ruhmreich verhalten: Anfang März erließ die Regierung strengste Auflagen für den Export von Masken und anderer medizinischer Ausstattung, auch für den Export in andere EU-Staaten wohlgemerkt. "Ein Europa, das schützt", lautet ein Versprechen. Es hat den Corona-Test nicht bestanden.

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