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Kultur-Kolumne
Fürs nächste Chaos üben

Antje Scherer freut sich über die  Verwirrung im Corona-Alltag.
Antje Scherer freut sich über die Verwirrung im Corona-Alltag. © Foto: gerd markert
Meinung
Antje Scherer / 23.06.2020, 20:10 Uhr - Aktualisiert 23.06.2020, 20:21
FFO (MOZ) Wie geht‘s? Auf diese Frage bekommt man dieser Tage ungewöhnlich ehrliche Antworten. Vielleicht weil die Standardfloskeln (muss-ja-und-du-so) im Ausnahmezustand schwerer über die Lippen wollen. Irgendwie scheinen die Leute mehr in sich hineinzuhorchen – tatsächlich gespannt darauf, wie es da drin eigentlich aktuell aussieht. Und wirklich interessiert, wie der/die andere gerade zurechtkommt.

Bemerkenswert auch, dass oft ein differenzierter Mix an Gefühlen zutage tritt – Angst, Genervtheit, aber auch Erleichterung, Mitleid und Freude. Das hängt sicher stark von der Tagesform ab, immerhin wirbelt das Virus seit Monaten den Alltag durcheinander, und von der eigenen Situation – der Lockdown trifft Menschen ja sehr unterschiedlich, den Lehrer im Homeoffice anders als die Kassiererin oder den Erntehelfer.

Trotzdem schaffen es überraschend viele, auch positive Aspekte dieses Zustands zu finden: die Ruhe am Himmel ohne Flugzeuge, wie schön der eigene Balkon ist, dass man sich als Paar gut unterstützt, so etwas. Und immer wieder wird verschämt vom Gefühl des Aufatmens berichtet, dass man endlich mal nichts muss, nicht ins Kino, keinen Urlaub planen, nichts einkaufen … Der Maler Neo Rauch sagte gerade, er empfinde seinen "von Terminen gesäuberten Kalender"  als Erleichterung. "Als schönen Schwebezustand", der ihm helfe, konzentrierter zu arbeiten.

Natürlich wird das kein Dauerzustand sein, und Teil des verwirrenden Gefühlsmix’ ist ja auch der dringende Wunsch, endlich mal wieder wohin zu wollen. Aber vielleicht kann man dieses klammheimliche Gefühl der Erleichterung in die Post-Corona-Zeit retten. Als Eingeständnis, dass uns der eigene Lebensstil oft überfordert. Zu viele Filme, zu viele Klamotten, zu viele Reisen, alles zu viel.

Nochmal: Natürlich gibt es nicht wenige, die jetzt um die nackte Existenz kämpfen oder beim Homeschooling durchdrehen. Also ganz andere Sorgen haben. Aber auch hier ist das Bild nicht schwarz-weiß –  es gibt überwältigend viel Solidarität und Interesse für unterschiedliche Lebenslagen. Endlich kommt das Thema Gerechtigkeit massiv auf den Tisch. Und manch einer merkt, dass er mit weniger (Geld, Klopapier …) auch zurechtkommt.

Dies wird sicher nicht die letzte Krise unserer Zeit gewesen sein. Vielleicht sollten wir uns besonders dieses Gefühl der Verwirrung bewahren (und aushalten) – als  beste Vorbereitung auf den nächsten Ausnahmezustand.

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