Eine junge Russin aus der Reisegruppe bleibt vor einem Altbau in Berlin-Mitte stehen: “Ist das Kunst?“, fragt sie. An Wäscheleinen vor der abbröckelnden Fassade hängen Dutzende türkis-farbene Tücher. “Nein, das ist keine Kunst“, sagt Kunsthistorikerin Miriam Bers, “die Bewohner haben einfach ihr Haus dekoriert.“
Die Reisegruppe betrachtet Arbeiten von Franz Ackermann: Wandmalereien bis unter die Decke. Ein knallbuntes Wirrwarr aus Linien, Kurven, Farbflächen. Die DIN-A5 großen Aquarelle und Zeichnungen an der Galeriewand - Ackermanns gemaltes Reisetagebuch - würden mittlerweile für 15 000 Euro das Blatt gehandelt, sagt Bers.
Viele Künstler und Galerien haben mittlerweile das teure und schicke Scheunenviertel verlassen. Am höchsten ist die Galeriedichte nun im einstigen Niemandsland, zwischen Mauerstreifen und Axel-Springer-Hochhaus. “Der Trend geht weiter nach Schöneberg“, sagt Miriam Bers. Auch Kreuzberg erlebe eine Wiedergeburt, und der Norden Neuköllns habe gerade die Wende vom Problem- zum Szenekiez geschafft.
Während die kleinen Galerien aus Mitte abziehen, öffnen Privatsammler dort ihre Paläste. In keiner anderen Stadt der Welt zeigen so viele Sammler ihren Privatbesitz. Die Agentur “Art:Berlin“ führt jeden Samstag durch die Sammlung von Thomas Olbricht. Der Erbe des “Wella-Konzerns“ ließ sich für seine Sammlung in die Auguststraße eine eigene Kunsthalle bauen. Der angehende Kunsthistoriker Sebastian Hoffmann empfängt die Reisegruppe: “Die Ausstellung ist sehr bunt, sehr laut, sehr spielerisch. Es ist eine Abenteuer- und Safarireise.“
Schon mit fünf Jahren fing Thomas Olbricht an zu sammeln: Erst Matchboxautos und Briefmarken, später Gemälde und Skulpturen. Rund 2500 Stücke umfasst seine Sammlung, Feuerwehr-Spielzeugautos ebenso wie Paul-Klee-Gemälde. Am Ende der Ausstellung stehen die Touristen in der Besucher-Lounge im ersten Stock vor einem großformatigen Bild, auf dem eine Bar zu sehen ist. Auf dem oberen Rand des Bildes sitzt eine Fliege. “Gehört die zum Bild dazu?“, will eine Frau wissen. Hoffmann zögert. Dann nähert er sich dem Bild und verscheucht die Fliege. Manchmal sind selbst die Experten nicht sicher, was Kunst ist und was nicht.
Laura Himmelreich, dpa
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