Authentizität vom Futter bis zur Milchtüte - das will Gunnar Hemme seinen Kunden zeigen. Die Mini-Molkerei aus der Uckermark punktet gerade bei Berlinern mit diesem Konzept gegen die Übermacht der Großkonzerne. Wo der Verbraucher sonst mit seiner Frage nach der Herkunft der Milch in einem Callcenter landet, da führt der Unternehmer aus Schmargendorf seine treuen Milchtrinker direkt in die Produktion und nun auch in den Stall. Unterricht im Grünen.
Der Kauf des benachbarten Milchguts wurde ihm vom Eigentümer angeboten. Hemme musste geradezu einwilligen, denn seine unterirdische Milchleitung führt direkt vom Euter in seine Molkerei hinein. Zum Betrieb mittlerer Größe gehören ein paar Hundert Hektar Agrarfläche, 15 Mitarbeiter und eben die Milchkühe der Rasse Holstein-Frisian.
Für Gunnar Hemme erfüllt sich ein langer Traum. Der studierte Landwirt hat sich nach seinem Uni-Abschluss nicht auf den Traktor gesetzt, sondern die niedersächsische Familien-Ehre um eine weitere Milchmann-Generation erweitert. Allerdings nun in der Uckermark. "Wer aber auf einem Hof groß geworden ist, der hat die Landwirtschaft im Herzen", sagt der frisch gebackene Milchbauer.
Rund 800 000 Liter verarbeitet die Molkerei in frischen Käse, Joghurt, Milch, Butter und andere Produkte. Die liefern die Milchmädchen inzwischen nicht mehr nur bis zur Haustür, sondern auch in die größere Handelsketten. Seinen fast 20-jährigen Kampf um die Regionalität hat Hemme inzwischen sicher gewonnen. Der Verbraucher will wirklich sehen, woher die Lebensmittel kommen. Bei den regelmäßigen Hoftagen erlebt die Firma einen regelrechten Ansturm von Besuchern aus der Großstadt, die ihren Horizont erweitern wollen. "Die erste Frage lautet immer: Woher kommt die Milch?", berichtet Gunnar Hemme. Er musste einfach nur hinter sich zeigen, wo die Kühe im Grünen grasten. Seit April gehört ihm das Milchgut. Allerdings kauft er auch Milch aus Günterberg, Bandelow und Welsow dazu, denn die eigenen Rinder würden die Menge gar nicht schaffen.
Doch die Umstrukturierung des Unternehmens läuft gleich an zwei Fronten. Hemme-Milch baut ein eigenes Besucherzentrum mit Hofladen am Rande von Schmargendorf. Hier sollen sich die Kunden nicht nur stärken, sondern später zu Ausflügen in die Uckermark und vor allem ins nahe gelegene Weltnaturerbe Buchenwald Grumsin starten. Die Kombination wird von Regionalvermarktern und von den Touristikern der Umgebung mit größtem Wohlwollen begleitet. Außerdem trägt Hemme das Siegel des Biosphärenreservats und macht damit Werbung für das Großschutzgebiet.
Der Bau der 1,7 Millionen Euro teuren Betriebserweiterung ist allerdings im Zeitplan zurückgeworfen worden. Zwar ging die erweiterte Kühlung schon in Betrieb, doch sollte der Rohbau des Hofcafés mit Mitarbeiterbüro schon viel weiter sein. Schuld daran ist die Insolvenz eines Bauunternehmens aus Wriezen. Andere Handwerksbetriebe mussten daraufhin in die Bresche springen. Doch der ursprüngliche Eröffnungstermin Anfang September lässt sich auf keinen Fall halten. Frühestens im Dezember kann Hemme die Besucher offiziell empfangen. Finanziell ist er noch mit einem blauen Auge davongekommen. "Alles sehr ärgerlich", sagt der Chef. "Denn Zeit ist Geld."
Vom Rohbau hat der Milchtrinker einen Traumblick in eine Agrarlandschaft. Rundum Felder und Wiesen. Genau das wollen die Kunden erleben, wenn sie zu einem Direktvermarkter aufbrechen und die Grenzen von Hektik, Stress und Verkehrslärm hinter sich lassen. Eine komplette Verglasung lässt die Natur ins Milchcafé hinein.
Auch sonst denkt Hemme ökologisch. Die Nutzung von Abwärme seiner Kühlaggregate soll den gesamten Neubau heizen. Und dann kommt noch die Frage nach dem Tierwohl. "Geht es den Kühen gut?", wollen aufgeklärte Verbraucher wissen. Der neue Hof-Eigentümer hat schon mal Massage-Bürsten für die Holsteiner bestellt und mehr Stroh in den Stall bringen lassen. Draußen stehen die Kälbchen zum Entzücken der Kinder. Es passt also alles zusammen. Jetzt arbeitet er an einer Strategie, wie sein Betrieb in den nächsten fünf Jahren aussehen soll.