"Wir wollten eigentlich auf dem Herrmannplatz in mehreren 20iger Gruppen demonstrieren, aber das wurde uns trotz Eilantrag vor Gericht verboten", sagt Margarete Sühlow vom Internationalen Bündnis. "Wir sind auf jedenfall für die Corona-Regelungen, aber man darf deshalb nicht die demokratischen Rechte auf Versammlungsfreiheit abbauen", findet die 53-Jährige, während sie Flyer an die wenigen Passanten verteilt, die zu ihrem Feiertagsspaziergang aufbrechen.
Das habe es in 70 Jahren nicht nicht gegeben, sagt Sühlow. Ausgerechtet der internationale Kampftag der Arbeiterbewegung findet aufgrund der Pandemie nun ohne große Kundgebungen statt. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sendet seine Forderungen nach Lohngerechtigkeit  im Corona-Jahr per Livestream ins Netz.
20 Personen pro Demo sind nur erlaubt. Dass die Zahl erst am 4. Mai auf 50 erhöht wird, sehen die Demonstranten in der Reuterstraße als Schikane und rufen gleich zur "Montags-Demo" auf dem Alex auf. "Wo ist der Tütenbeauftragte", fragt jemand, als die nächste Rednerin dran ist. Aus Infektionsschutzgründen müssen die Tüten um das Mikrofon immer wieder gewechselt werden.
Am Boxhagener Platz in Friedrichshain wird es mit dem Infektionsschutz nicht so genau genommen. Vor einem Hausprojekt der linken Szene wird schon in der "Walpurgisnacht", dem Abend vor dem 1. Mai, Musik gespielt und getanzt. Auch vor Kneipen und Bistros ringsherum stehen größere  Gruppen und trinken Bier und Caipirinha aus Plastikbechern. Die Polizei läuft immer wieder  mit Kommunikationsteams und Diensthunden Patrouille, die Beamten sprechen einige Menschen, die es zu bunt treiben, immer wieder an. Drumherum beobachten  immer mehr Schaulustige das Spiel zwischen Provokation und Machtdemonstration. Doch bevor es zu einer Konfrontation kommt, zerstreut ein starker Regenguss die Menschenansammlung.
Etwas brenzliger wird es in der Rigaer Straße,  in der Autonome mehrere Häuser besetzt halten. Vor einer Spätverkaufsstelle bilden sich größere Gruppen direkt neben den Mannschaftswagen. Fast wirken die Beamten etwas hilflos. Schließlich hat sich die Strategie der Deeskalation in den vergangenen Jahren gut bewährt.
Doch als auf zwei Balkonen Feuerwerk gezündet wird und aus einem Lautsprecher linke Parolen durch die Straße tönen, bekommen sie Anweisung, strikt zu handeln. Die Beamten setzen ihre Helme auf, gehen dazwischen und lösen die nicht genehmigte Ansammlung in wenigen Minuten auf. Von rund 20 Menschen werden die Personalien aufgenommen. "Das war mit Abstand die friedlichste Walpurgisnacht seit vielen Jahren", sagt Polizeisprecherin Anja Dierschke hinterher.

5000 Beamte und die linke Guerilla-Taktik


Etwa 5000 Polizisten waren rund um den 1. Mai in Berlin im Einsatz. Zur Hilfe wurden Beamte aus sieben Bundesländern angefordert, die in  Hotels in der Stadt "Corona-sicher" untergebracht worden seien. Angemeldet waren 30 Kundgebungen mit bis zu 20 Teilnehmern. Nicht genehmigt wurde unter anderem die geplante "Hygienedemo" von Verschwörungstheoretikern auf dem Rosa-Luxemburg-Platz. Die Polizei errichtet dort am Nachmittag Sperren. Für den Abend (nach Redaktionsschluss) hatten Autonome zu dezentralen Protestaktionen aufgerufen. Die Alternative zur "Revolutionäre 1.-Mai-Demo sollte in der Oranienstraße in Kreuzberg stattfinden. Linksautonome wollten die Polizei mit spontanen Aktionen wie Feuerwerk und einer Art Guerilla-Taktik auf Trab halten. neu