Obwohl die Schlacht gewonnen ist, sind sie heute wieder da. Manche kommen direkt von der Arbeit, andere mit Einkaufstüten und dem Fahrrad. Sie haben Flyer oder Kinder dabei, die die Straße mit Kreide bemalen. Sie holen sich noch schnell ein paar Glasnudeln beim vietnamesischen Imbiss, Köfte im Brot oder ein Feierabendbier im Lottoladen, bevor sie sich auf den Bänken niederlassen, die die Bäume im Wrangelkiez umrahmen. Der Besitzer eines Spätis mit angeschlossenem Café mixt zur Feier des Tages Raki-Cocktails. Ein Leierkastenmann singt von Mackie Messer, bevor die ersten Anwohner und Initiativen-Sprecher ans Mikro treten, um über explodierende Mieten, Zwangsräumungen und Luxussanierungen zu klagen.
Jeden Mittwochabend verwandelt sich die Straße vor Ahmet Caliskans Gemüseladen in einen Kundgebungsort. "Ich bin sehr glücklich, dass so viele Leute hinter mir stehen", sagt der Mann mit der schwarzen Arbeitsweste über dem blauen Hemd. Inzwischen sei er mit der neuen Hausverwaltung in "guten Gesprächen".
Der neue Eigentümer hatte Caliskan im März nach 28 Jahren gekündigt. Der Obsthändler bot an, eine höhere Miete zu zahlen, und gab sogar ein Kaufangebot ab. Doch erst, als sich der Protest der Anwohner von Mittwoch zu Mittwoch steigerte und Bezirkspolitiker den Hausbesitzer per Mail um Nachsicht baten, wurde die Kündigung zurückgezogen.
"Das hat nur funktioniert, weil wir alle mitgemacht haben", sagt Magnus Hengge ins Mikrofon, vor dem sich inzwischen rund 200 Leute versammelt haben. "Doch wir dürfen uns deshalb nicht zurücklehnen. Die anderen Mieter im Haus bekommen immer noch Abfindungsangebote, und der Gewerbemietvertrag kann nach wie zuvor jederzeit gekündigt werden", mahnt der Sprecher der Gemüseladen-Retter-Initiative. Aus dem ersten Erfolg müsse man Kraft schöpfen, Kraft, um nun den gesamten Kiez gegen Gentrifizierung zu verteidigen.
Und so hängen die Transparente mit "Bizim Bakkal bleibt - wir auch" und "Je suis Bizim Bakkal" weiter über der Straße. An den Hauseingängen kleben gelbgrüne "Bizim Bakkal"-Schilder. Das heißt übersetzt "unser Laden". Ahmet Caliskans Geschäft ist inzwischen nicht nur ein Symbol für Verdrängung, sondern auch für nachbarschaftlichen Zusammenhalt geworden. Ein Synonym für das typische Kreuzberger Aufbegehren, das den Bezirk einst so berühmt machte. "Plötzlich kommen alle wieder raus und reden miteinander. Wir lernen uns kennen", sagt Hengge, als wäre er selbst überrascht von der neuen Bewegung.
"Wir haben alle einfach den Kanal voll", bringt es ein anderer Anwohner auf den Punkt. Sascha ist 42 und Gesellschaftsspiele-Entwickler. Er will nicht, dass sein Vermieter seinen Nachnamen in der Zeitung liest. Auch er habe schon eine Zwangsräumung abwenden müssen. "Das geht nur, weil wir uns hier gegenseitig helfen, uns Anwälte vermitteln", berichtet Sascha, während nebenan in der neuen stylischen Bar ein paar Spanier Fritz-Kola und Augustiner-Bier ordern. "Auch Tourismus setzt dem Viertel stetig zu", sagt Sascha. "Er verändert die Gewerbestruktur zum Nachteil der Anwohner. Wir brauchen hier nicht das x-te Restaurant oder einen weiteren Yuppie-Klamottenladen".
Die Party-Bewegung der nahen Oberbaumbrücke umzingelt die kleine Multi-Kulti-Idylle, in der deutsche Fisch- und Kramläden mit türkischen Bäckern und Schneidereien eine friedliche Koexistenz führen. Die Schlinge scheint sich von Monat zu Monat enger zu zuziehen. Von "Little Istanbul" mit Ghetto-Ruf zur besten Lage mit Wertsteigerungspotenzial. Irrwitziger Weise haben gerade die Anwohner zur Entwicklung beigetragen. "Viele Familien fahren durch die halbe Stadt, um ihre Kinder in Europaschulen und Privateinrichtungen zu bringen, statt unsere hiesigen Schulen zu unterstützen", kritisiert Atilla Aktas, ein junger türkischer Lehrer.
Magnus Hengge ist der Widerspruch bewusst. "Der Stadtteil ist seit Jahrzehnten vom Zuzug von Menschen geprägt, die hier Freiheit suchen, einen Ort, um sich zu verwirklichen. Doch die Investoren, die nun kommen, pressen aus dem Kiez, den andere über Jahre aufgebaut haben, Geld heraus, dass sie nicht selbst erwirtschaftet haben", sagt der Kreuzberger und erntet Applaus.
Ahmet Caliskan hat da schon einen langen Tag hinter sich. Um ein Uhr nachts ist er aufgestanden, um zum Großmarkt zu fahren. Um sieben Uhr in der Früh ist er täglich im Laden. Erst mittags legt sich Caliskan für anderthalb Stunden hin. Danach steht er wieder bis abends im Geschäft. Für die Kunden, die bei ihm Tomaten, Ananas und Pistazien kaufen, hat er immer ein freundliches Wort, streichelt den Kindern sanft über den Arm, die bei ihren Müttern im Tragetuch baumeln.
Ahmet Caliskan unterstützt mit dem Laden unter anderem seine Tochter, die Biochemie studiert, und seine Eltern, die inzwischen wieder in der Türkei leben. Seine Augen sind müde vom chronischen Schlafmangel, die Gesundheit angeschlagen. Er ist der letzte verbliebene türkische Gemüsehändler im Kiez.
"Wo sind eigentlich unsere türkischen und arabischen Leute hin, die vor zehn Jahren unser Viertel geprägt haben?", lautet dann auch die Überschrift des Leseabends auf dem Bürgersteig vor Caliskans Laden. Kinder der einstigen Gastarbeiter erzählen von ihrer Jugend im Kiez, der damals direkt an der Mauer, irgendwie im Niemandsland lag. Vom Neuanfang in der Fremde, die irgendwann zur Heimat wurde. Von den Stempeln in den Pässen, die ihren Eltern nur erlaubten, sich in Neukölln, Kreuzberg und Wedding niederzulassen.
Ahmet Caliskan kam im Alter von 14 Jahren mit seinem Vater aus einem anatolischen Dorf nach Kreuzberg. "Es war für mich wie das Paradies hier", sagt der 65-Jährige. Er ging nie richtig zur Schule, sondern packte schon früh mit an. Irgendwie ist es auch jetzt noch sein Paradies, sagt der Mann mit den weißen Schläfen. Das Dörfliche - er fand es auch hier. "Man kennt sich, man grüßt sich." Er hofft, dass er bleiben kann. Die Demonstranten können dann weiterziehen. Gleich um die Ecke zum bedrohten Fahrradladen, über dem noch das alte Schild für Heimwerkerbedarf prangt.