Sie war Kaderschmiede für viele Stars: Am Sonnabend verabschiedet sich die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch mit einem Tag der offenen Tür von seinem Traditionsstandort in Schöneweide. Diese Zeitung hat vor dem Umzug nach Berlin-Mitte mit Schauspielerin Steffi Kühnert einen letzten Rundgang unternommen.
Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind schon ziemlich abgelaufen. Wenn Steffi Kühnert in diesen Tagen die große Probebühne mit dem abgeblätterten Holz betritt, fragt sie sich, wo die Zeit geblieben ist. Als die Tatort-Schauspielerin 1981 an der „Ernst Busch“ anfing, ihr Handwerk zu lernen, waren Boden und Wände noch hell. Sie gehörte zum ersten Jahrgang, der 1981 im damaligen Neubau in Schöneweide unterrichtet wurde. Während Kollegen der früheren Jahrgänge wie Michael Gwisdek,  Dagmar Manzel und Corinna Harfouch noch in einem alten ruinösen Bootshaus Brecht-Texte rezitieren mussten, erfreute sich Kühnert an Fernheizung und Warmwasser. „Anfangs durften wir nicht mal Plakate anbringen, damit alles schick bleibt.“
Wenn die 55-Jährige heute als Dozentin durch die langen Gänge läuft, kommt sie an Premieren-Ankündigungen, Wohnungsgesuchen und Wandmalereien vorbei. Im Foyer mit der Ernst-Busch-Büste hat sich der letzte Jahrgang vor dem Umzug nach Mitte mit Abschieds-Fotos verewigt. Junge Männer, die nackt auf der Wiese posieren und eitel mit der Kamera flirten.
Wer hier aufgenommen wurde, kann stolz sein. Über tausend Bewerber gibt es jährlich für 24 Plätze. Die „Ernst Busch“ gilt als eine der besten Schauspielschulen der Welt.  Ihre Geschichte geht bis auf Max Reinhardt zurück, der 1905 die Schauspielschule des Deutschen Theaters zu Berlin  in der Nähe des Reichstags gründete.
Der Umzug zu DDR-Zeiten in das abgelegene Industriegebiet nach Niederschöneweide war ein politisches Statement. Damit sollte die Nähe der Kunst zum Proletariat propagiert werden. Vom Kostümfundus in der zweiten Etage schaut Lena Katzer auf alte Fabrikschornsteine. Die 23-jährige Regie-Studentin verdient sich als Schneiderin Geld für ihr Studium dazu. Den Umzug in die zum neuen Zentralstandort umgebauten ehemaligen Opernwerkstätten in der Nähe der  Friedrichstraße in Mitte sieht sie mit gemischten Gefühlen. Frühere Generationen hatten hart für das Geld für einen zukunftsfähigen Standort kämpfen müssen. „Ich finde es gut, dass dort endlich alle Studiengänge unter einem Dach sind“, sagt Lena Katzer.  Doch dass sich das Gebiet zwischen neuer BND-Zentrale und High-Class-Hotels gerade in ein „völlig durchgestyltes Viertel“ wandle, müsse man als Kunsthochschule politisch reflektieren.
In dem schnörkellosen Haus an der Schnellerstraße ist vom Glamour der Großstadt nichts zu spüren. Starallüren gibt es hier nicht. Dabei haben auf den abgewetzten Ledersofas schon Maria Simon und Matthias Schweighöfer gechillt, im Garten mit Tischtennisplatte  Jan Josef Liefers und Nina Hoss ihre Pausen verbracht. „Nach mancher Party sind wir auch schon mal in die Spree gesprungen“, erzählt Steffi Kühnert.
In der Kantine nebenan wird heute Fencheltee angeboten. Die Schnapsflaschen auf den Holztischen in den Proberäumen sind nur Requisiten. Der Uni-Alltag ist hart und fordert Konzentration. „So ein Tag hier kann schon mal von 8 bis 21 Uhr gehen, danach ist man platt“, berichtet Kühnert. Sie selbst musste einst morgens um acht Uhr noch zusätzlich Vorlesungen in Marxismus-Leninismus und politischer Ökonomie besuchen. An diesem Vormittag steht Fechten auf dem Stundenplan. „Es geht nicht um Musketier-Rollen, sondern darum, seinen Körper in den Griff zu bekommen, zu parieren und auf den anderen zu reagieren.“
Aber auch das Improvisieren hat Steffi Kühnert später bei ihrem Film-Durchbruch mit Andreas Dresens Frankfurt-Oder-Film „Halbe Treppe“ geholfen. Für die Beziehungs-Komödie gab es kein Drehbuch. „Hier habe ich gelernt, dem Partner beim Spiel in die Augen zu schauen und im richtigen Moment auch mal zu schweigen.“
Viel geredet hat sie dagegen mit ihrem Kommilitonen Leander Haußmann, den sie oft schon in der Straßenbahn traf. Einem schlaksiger jungen Mann, der mit seiner Systemkritik kein Blatt vor den Mund nahm und öfter mal kurz vor der Exmatrikulation stand. Nach der Wende haben beide viel zusammen gearbeitet, unter anderem für den Mauerfilm „Sonnenallee“.
Während Steffi Kühnert zur nächsten Prüfung eilt, werden in der hauseigenen Bibliothek gerade VHS-Kassetten mit alten Filmen und Theateraufführungen ausgemistet. Steffi Kühnert hat sich gleich zwei Kisten gesichert. „Wenn ich daran denke, dass die weggefeuert werden, blutet mir einfach das Herz.“